22 Ausgaben der Zeitschrift Screen, 1971–1984, Materialsammlung, Filmprogramme
Ich stelle in der Secession eine Reihe von Artefakten aus: Ausgaben der Filmzeitschrift Screen sowie Schaustücke zur Filmkultur der Zeit von 1971 bis 1984. 1971 markiert den Beginn des „neuen“, von Sam Rohdie herausgegebenen Screen. Zur selben Zeit begann ich gerade eine Postgraduiertenausbildung in Filmwissenschaft an der Slade School of Fine Art Film Unit (University College London), wo Noël Burch, dessen Arbeit ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wird, als Gastlehrbeauftragter wirkte. Noëls Einfluss war immens. Er fokussierte unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf die detaillierte Analyse von Szenenabfolgen, Szenen und Einstellungen, sondern auch auf den Raum innerhalb und ausserhalb der Leinwand. Damit trug er wohl mehr als jede/jeder andere dazu bei, unser Augenmerk auf der Materialität der Kinoerfahrung zu belassen. (Dass einige seiner SchülerInnen danach theoretische Differenzen mit ihm haben würden, war nur folgerichtig.)
1984 wiederum markiert den Beginn von Channel 4, der während der ersten
Phase von Margaret Thatchers Regierung gegründet wurde und als vierter
Fernsehsender in Großbritannien radikale in- und ausländische Arbeiten
forcierte. Der Sender unterstützte auch den Wechsel von rein
theorielastigen Arbeiten zu einer theoretisch bewussten Praxis, den ich
und viele Freunde/Freundinnen und KollegInnen zu jener Zeit vollzogen.
Die Workshop Declaration aus dem Jahr 1984 ermöglichte neu gegründeten
Gruppen wie Sankofa (von welcher der ebenfalls in der Secession
vertretene Isaac Julien ein Gründungsmitglied war) Produktionen, die
nicht nur Form und Inhalt existierender Film- und Fernsehformate
widersprachen, sondern auch die Wichtigkeit einer Gruppen- und
Kollektivarbeit betonten, die in Großbritannien schon in den
Filmkooperativen und der oppositionellen Filmbewegung vor dem Zweiten
Weltkrieg Bedeutung erlangt hatte. Die hier ausgestellten Dokumente
bezeugen die Lebhaftigkeit dieser Zeiten, in denen Diskussionsgruppen
und Wochenendseminare gleichsam wucherten. Ich widme meine Präsentation
der Mitbegründerin der Women’s Film Group, der feministischen
Filmtheoretikerin und Aktivistin Claire Johnstone, mit der ich damals
an vielen Projekten zusammengearbeitet habe. Ihre Handschrift sieht man
über ein paar der ausgestellten Zettel gekritzelt. Claire studierte
Wirtschaft an der London School of Economics, wo sie sich einen
polemischen Argumentationsstil aneignete, der ihr zu jenen streitbaren
und aufsässigen Zeiten einen guten Stand verschaffte.
Es war die Zeit der Schreibmaschinen und Wachsmatritzenabzüge.
Fotokopien waren noch zu teuer und wenig verbreitet, und niemand von
uns hatte natürlich einen PC. Diese wachsbezogenen Karbonblätter wurden
liebevoll oder verzweifelt betippt und dann mehr oder weniger gekonnt auf diese
komplizierten Gestetner-Maschinen montiert, die zwar Tinte
verspritzten, aber irgendwie doch alle Kopien herstellten, die man für
das nächste Treffen oder
den nächsten Vortrag brauchte. Die Dokumente sollen hier sozusagen als Beitrag zu einer Archäologie der Filmtheorie und als Zeugnisse jener vielen Verbindungsglieder dienen,
die es damals zwischen Filmtheorie und Filmemachen gab, nämlich die
London Women’s Film Group, The Other Cinema, das Newsreel Collective,
das Edinburgh Festival, The Independent Film-Makers Association usw.
Die Diskussionstitel sind ebenfalls bezeichnend für die damaligen Zeiten: „Politik und Produktion theoretischer Zeitschriften“, „Kunstpolitik – Theorie und Praxis“, „Kino als soziale Handlung“, „Warum Theorie?“, „Bemerkungen zur Idee des ‚Alternativkinos‘“ etc. Ich habe mich dazu entschlossen, als visuellen Kontrapunkt zu diesen Dokumenten auch Auszüge aus Filmen zu zeigen, die Thema zahlreicher Debatten in Screen waren. In den 70er Jahren war der Filmauszug ja die beliebteste Filmunterrichtsform. Das British Film Institute hatte ein großes Archiv solcher Auszüge, das tatsächlich als eigener Film gezeigt werden konnte. Doch ob wir nun wollen oder nicht, befinden wir uns heute am Beginn eines digitalen Zeitalters, in dem Film ein schwieriges Ausstellungsmedium geworden ist. Nichtsdestotrotz können wir einige Avantgarde- und Experimentalfilme von damals im Rahmen von Fate of Alien Modes im Filmmuseum und in der Secession sehen. Parallel dazu zeige ich eine Dokumentation über Jacques Lacan, die den überwältigenden Einfluss der Psychoanalyse in den 70er Jahren belegen soll. Meine Präsentation pendelt also zwischen dem Archäologischen – in Glasvitrinen ausgestellte Schaustücke einer vergangenen Epoche – und dem Versuch, die immer noch wirksame Vitalität dieser Ideen und Bilder durch die Bewegung des Films selbst und die Bewegung der BesucherInnen von heute in der Ausstellung zu zeigen.