ISAAC JULIEN

Lost Boundaries, 2003 / Super-8-Film auf Video, Farbe, stumm, 3:27 min
Passion of Remembrance, 1986 / Digitaldruck des Filmplakats
Baadasssss Cinema, 2002 / Video, Farbe, Ton, 75 min (Teil des Filmprogramms)
Looking for Langston, 1989 / 16 mm, s/w, Ton, 40 min (Teil des Filmprogramms)

LOST BOUNDARIES

STUMME BILDER AUS DER FILM-ZEIT

Für seinen Beitrag zur Ausstellung Fate of Alien Modes griff Isaac Julien auf sein persönliches Super-8-Filmarchiv aus den Jahren 1981 bis 1987 zurück. In diesem Zeitraum machte er mehrere Filme im Tagebuchstil, die meisten davon im Super-8-Format. Lost Boundaries wurde eigens für die Ausstellung produziert, um einen vergessenen und verlorenen Teil einer experimentellen Filmpraxis enigmatisch nachzuzeichnen, die vor allem in den frühen 80er Jahren von der Bewegung des so genannten Independent Film Workshop entwickelt worden war.

Lost Boundaries besteht aus Filmmaterial, das Julien im Sommer 1985 in England während der Dreharbeiten zum ersten experimentellen Spielfilm des Sankofa Film and Video Collective, The Passion of Remembrance (1986), an dem er selbst als Co-Regisseur von Maureen Blackwood, einem weiteren Mitglied des Kollektivs, beteiligt war, vor Ort aufgenommen hat. Durch das Festhalten dieser Momente dekonstruiert und betont Lost Boundaries die Mittel der 16-mm-Filmherstellung, während er zugleich die fragile Gemeinschaft jener schwarzen KünstlerInnen und SchauspielerInnen zeigt, die zu einer Zeit bekannt wurden, als sich filmtheoretische Debatten wie jene in der Filmzeitschrift Screen oder jene über ein Third Cinema als Verbindung von Film und (Brecht’schen) Filmmethoden an die Spitze einer neuen Politik künstlerischer Darstellungsformen setzten. Eine schwarze Avantgarde also.

Filmposter

The Passion of Remembrance wiederum untersuchte das Erbe dieses unabgeschlossenen Dialogs innerhalb der schwarzen Politik in Großbritannien samt all den verbliebenen Unzufriedenheiten. In einer Presseaussendung anlässlich der Veröffentlichung des Films 1986 (die allerdings eher wie ein Manifest klingt) erklärte Sankofa: „The Passion of Remembrance gibt einen mosaikhaften Einblick in die verschiedenen Generationen einer schwarzen Erfahrung, erlebt und ausgedacht von einer neuen Generation von FilmemacherInnen in Großbritannien. In äußerst eklektischem Stil stellt der Film in diesem Drama ein paar wichtige Fragen: Welche Gefühle bleiben in der Stille nach den nicht zu Ende gebrachten Bemühungen der 60er und 70er Jahre zurück – das Dauerthema von Sex und Gender …? Welche Repräsentationsformen junger Schwarzer außer den traditionellen sind möglich…? Was passiert eigentlich, wenn das Tanzen aufhört?“

Die stummen Bilder von Lost Boundaries bringen uns auf diese unbeantworteten Fragen zurück (auf die Kriege um Gender-/Rassenidentität, die uns in unserem globalen Zeitalter umgeformt als Politik von Gender- und Rassenintoleranz begegnen). Die Bilder zeigen uns die kleinen Zwischenmomente innerhalb der Vorgänge rund ums Filmemachen und Filmdrehen. Wie in einer privaten Nachrichtensendung werden Filmcrew, Filmgerät mit all den unterschiedlichen Gerätschaften, SchauspielerInnen und RegisseurInnen in einer anonymen Landschaft (eine Sandgrube vielleicht) aufgenommen. Alle warten und wiederholen dabei in einer gewissen Intimität die verschiedenen Möglichkeiten des Nichthandelns und Nichtschauspielerns. Die beiden HauptdarstellerInnen von The Passion of Remembrance, Annie Domingo und Joseph Charles rezitieren rituell ihre Texte, streifen durch von der Nebelmaschine erzeugte Nebelschwaden und irren zwischen den einzelnen Aufnahmen herum, als ob sie bis zum Wiedereintritt in ihre Rollen im „wirklichen Leben“ verloren wären. Die Aufnahme dieser „Film-Zeit“, die oft undokumentiert bleibt (nur sehr wenige schwarze Filmkollektive haben sich selbst bei der Arbeit gefilmt), macht also Momente sichtbar, die zu einem Archiv des britischen Films gehören, das jedoch unter der Herrschaft des traditionellen britischen Kulturerbes niemals existiert hat. Die Übertragung des Materials in einen Ausstellungsraum begründet nichtsdestoweniger eine Gegengeschichte, die genauso gut auch zu einer Geschichte der (unterdrückten) konzeptuell-visuellen Filmkunst Europas gehören könnte. Während sich DarstellerInnen, RegisseurInnen und Filmcrew in Lost Boundaries für den nächsten Take vorbereiten, werden wir ZeugInnen ihrer ersten und zugleich letzten Begegnung, denn beim Drehen eines Films ist es immer die Nicht-Zeit zwischen den einzelnen Aufnahmen, die die alien Erfahrung des Filmens ausmacht. Denn Film-Zeit ist immer verdichtete Zeit, eine andere Zeit in Schwebe, die aufhört, sobald sie auf Zelluloidrollen festgehalten wird, und dadurch das entsteht, was wir eigentlich erst Kino nennen.

Die Komplexitäten geteilter Schicksale werden in Lost Boundaries eng miteinander verwoben, nicht nur weil diese Super-8-Bilder die Nicht-Film-Zeit festhalten, sondern auch weil sie als Sichtbarmachung des Todes der Zeit selbst verstanden werden können. So gesehen ist die Visualisierung dieses nekrophilen Aktes selbst die Trauerarbeit eines schwarzen Archivs, das es niemals gegeben hat und das jetzt dennoch verloren ist. Indem Julien diesen Film gemacht hat, lässt er jene Geister einer Geschichte der Kunstpraxis wieder aufleben, die die Verbindung von Film und Theorie der 70er und 80er Jahre durchqueren und – auch wenn sie heute lange verschwunden scheinen – vielleicht von zukünftigen Generationen wieder entdeckt werden. Wie merkwürdig doch diese Filmerinnerung geworden ist, die durch die Raumzeitreise des Ausstellungsraumes in diesem so genannten neuen Jahrhundert zu uns zurückkehrt.

Still aus Lost Boundaries (2003)

LOOKING FOR LANGSTON

Looking for Langston ist eine wunderschöne Hommage an den schwulen schwarzen Dichter Langston Hughes. Der Film beschwört die Renaissance von Harlem als Utopie einer gemischtethnischen Homoerotik. In diesem experimentell narrativen Film nimmt der Regisseur wie schon öfter zuvor das Thema des doppelten Außenseiters auf. Die Uraufführung auf dem New York Film Festival 1989 bewies klar, wie brisant Isaac Juliens Zurückweisung enger Definitionen von schwarzer Männlichkeit ist. Bei dieser und auch späteren Aufführungen wurde während der Szenen, in denen Hughes seine Gedichte vor der Kamera liest, der Ton ausgeblendet, weil man eine Anzeige seiner Erben auf Urheberrechtsverletzung befürchtete. Das alles hatte natürlich nichts mit Urheberrechten zu tun, sondern mit der Tatsache, dass eines von Juliens Themen in diesem Porträt von Langston Hughes dessen Homosexualität ist – ein Thema, das von den Hughes-Erben einfachhin ignoriert und verschwiegen wird. (CR)

BAADASSSSS CINEMA

Das Genre der „Blaxploitation“ brachte umstrittene, provokative und nicht selten kulturell wunderbar komplexe Werke hervor, deren Einfluss in Musik und Film auch heute noch spürbar ist. Nichtsdestotrotz gibt es kaum wissenschaftliche Analysen dieser Filme, und auch das kritische Interesse der Film- und Kunstszene ist gering. Seit Sweet Sweetback Baadasssss Song (1971) und Shaft (1972) haben sich schwarze Anführer und Organisationen trotz scharenweisem Publikumsaufkommen dafür eingesetzt, für ausbeuterisch gehaltene Filmproduktionen zu verhindern. Der Unmut rund um das Blaxploitation-Kino führte zu einer Spaltung zwischen einem bestimmten seriösen schwarzen Filmemachen, das Klischees durch deren Ignorieren (oder auch oft durch das Setzen von positiven Klischees) ausmerzen sollte, und populärerem schwarzem Filmemachen, eben dem Blaxploitation-Kino, das Klischees zur Unterhaltung verwendete. Leute wie Jesse Jackson stellten sich durch ihren Kampf für die Würde der Schwarzen gegen diese Filme samt ihren SchauspielerInnen, die ihrerseits diese günstige Gelegenheit durch Interessengruppen zerstört sahen, welche den Samen der Zensur streuten.

Baadasssss Cinema untersucht, wie diese Filme durch Strategien von Camp, Parodie, Übertreibung und Humor mit Klischees spielen. Diese Filme waren ja oft deswegen umstritten, weil die Einbindung schwarzer SchauspielerInnen und schwarzer Stadtmythologien eine Flut an Assoziationen von Sklaverei bis zu Bürgerrechten an die Oberfläche brachte. Mit mehreren Interviews mit Ikonen des Genres wie beispielsweise Melvin Van Peebles (Sweet Sweetback’s Baadasssss Song), Quentin Tarantino (Pulp Fiction, Jackie Brown), Pam Grier (Coffy, Foxy Brown, Jackie Brown), Fred Williamson (Black Caesar, Hell up in Harlem, Original Gangstas) und Gloria Hendry (Black Caesar, Black Belt Jones) ist der Film ein kritischer und bedeutender Beitrag zur Würdigung dieser vernachlässigten Renaissance subversiver und symbolischer schwarzer Repräsentation im Film sowie in der Kunst.

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