JACK GOLDSTEIN
Metro-Goldwyn-Mayer, 1975 / 16 mm, Farbe, Ton, 2 min, Loop
The Planets, 1984 / Serie von 6 Schallplatten, schwarzes Vinyl, je 25 cm
A Suite of Nine, 1976 / Serie von 9 Singles mit Geräuscheffekten, Vinyl, je 18 cm
(The Burning Forest, rot und weiß, The Dying Wind, transparent, A Faster Run, orange, Three Felled Trees, grün, A German Shepherd, rot, The Lost Ocean Liner, schwarz, The Tornado, purpurn, The Two Wrestling Cats, gelb)
Die Auswahl von Jack Goldsteins Filmen und Schallplatten geschah unter dem Aspekt der Rolle des Kinos in seinem Kunstschaffen, und zwar sowohl als Mittel zur Verbindung von Begehren und Technologie als auch jener des Individuellen mit dem Erhabenen und von Medien- und Hollywoodkultur. Gleichzeitig spielt die Auswahl auf ein weiteres Merkmal seiner Kunst an, nämlich auf die Umwandlung vom „Künstler als Produzenten“ zum „Hollywoodproduzenten“ als Bestandteil der Transformationen von den 70er zu den 80er Jahren.
In der Ausstellung wird der aus 1975 stammende Film Metro-Goldwyn- Mayer gezeigt, ein 16-mm-Loop, basierend auf Metro Goldwyn Mayers berühmtem Markenzeichen des brüllenden Löwen. Es handelt sich um eine kurze performative Sequenz, die die Macht von MGM als ultimatives Studio, ja tatsächlich als das Modell für die goldene Zeit der Hollywoodstudios darstellt, die sogar schon 1975 zu einem lang vergangenen „Damals“ zählte. „Ins Kino gehen“ stellt eine inszenierte Sequenz von strukturierten Eintritten in die Apparatur des Kinos dar. Nachdem das Publikum die Architektur des Kinosaals betreten hat und das Licht ausgegangen ist, zeigt sich normalerweise das Studiologo als erster Zugang zum Raum des Zelluloids. Dann folgen Credits, Crew, Titel und schließlich der Raum der Filmerzählung.
In Goldsteins Film Metro-Goldwyn-Mayer ist das Löwengebrüll ein frühes Beispiel für eine künstlerisch angeeignete Sequenz: Es treibt einsam in einem hellrot erleuchteten Feld, das vom Künstler in subtiler, aber ausdrucksstarker Weise adaptiert wurde. Der Film ist ein sich endlos wiederholendes Sample, dessen Brüllen in Symbiose mit den mechanischen Geräuschen seiner Quelle – des in der Nähe platzierten 16-mm-Projektors – hörbar ist. Sobald diese Ikonografie in die Kunstinstitution übertragen wird, eröffnet sie einen Zugang zu sich selbst. Statt in das Erhabene einer Fortsetzung – der Vergangenheit – oder ins Machtspektakel des Hollywoodkinos einzugehen, gibt sie dem Augenblick Bedeutung, der ja auch mehr als die Summe seiner Teile ist. Sie stellt eine Erinnerung an das Hollywoodkino und die Massenmedien des 20. Jahrhunderts als Produzenten sehr spezifischer Raum-Zeit-Kontinua dar. Die Arbeit ermöglicht den Zugang zu einer Untersuchung des kulturellen Charakters einer neuen Epoche, die in Entwicklung begriffen und immer noch unvermessen ist, sowie Verbindungen zu Medien Macht, und wie diese sich innerhalb des Industriespektakels zeigen, das 1975 bereits im Entstehen war. Auch verwendet Goldstein sehr spezifisch Musik und vorfabrizierte Geräuschkonserven aus Filmtonarchiven Hollywoods, die in nur wenigen Minuten Themen der Technologie und der Natur zu mehr als nur einem Deut von Erhabenheit verdichten. Diese Geste transponiert Merkmale von früheren performanceartigen Arbeiten in ein Medium, das 1976 selbst zum „Performer“ wird.
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| A Suite of Nine (1976) | |||
Denn parallel zu Metro-Goldwyn-Mayer produzierte Goldstein seine erste Audioarbeit, eine Serie von farbigen Vinylsingles (The Burning Forest, The Dying Wind, A Faster Run, Three Felled Trees, A German Shepherd, The Lost Ocean Liner, A Swim Against the Tide, The Tornado, Two Wrestling Cats.). Seine letzte Audioarbeit ist die sechsteilige Serie Planets aus dem Jahr 1984. Der Titel erinnert an bestimmte, irdisch auf die erhabene Natur des Kosmos blickende Orchesterwerke. Für diese Serie hatte Goldstein für Science-Fiction-Filme vorgefertigte Atmosphärensoundtracks geschnitten und neu arrangiert. Hergestellt auf damals auf dem neuesten Stand der Technik befindlichen Synthesizern, drängten die Atmosphären bereits 1984 eine zweischneidige Weltanschauung [im Orig. deutsch] auf: eine Zukunft der neuen Medien als geschichtslose Räumlichkeit, die nichtsdestotrotz auf einen vorkonservierten Eindruck von Nostalgie und Erinnerung verweist. Aus heutiger Perspektive bietet Planets einen Überblick über Goldsteins gesamte Audioarbeit auf Vinyl, in der synthetische Atmosphären die Hauptrolle spielen. Die Serie ist also Zeichen und auch popkulturelles Artefakt, eine ursprünglich als Teil eines anderen Mediums (Film) geplante Komposition, eine Verdichtung als Ausdruck eines Kommunikationsmodells. Seine Audioarbeiten verorten sich auch entlang der Verhaltensweisen des/der KonsumentIn und der Institution. Als Kunstwerke drängen sie auf die Präsentation in Kunsträumen, als Platten auf Gehört- und Verkauftwerden in der privaten Konsumwelt. Mit dem Vinylalbum Planets wurde also zu dessen Entstehungszeit der gegenwärtige Status der Konsumplattenindustrie gesampelt, um die Plattenstapel des „Turntable-Apparats“ zu reflektieren. Die gesamte Plattenkomposition weist eine interne Ordnung auf. In Bezug auf ihre Rolle als Kunstobjekt in Installationen wurden die Platten zusammen in einem auf einer (gelb oder rot getünchten) Wand angeordneten Kreis präsentiert, der wie ein zweidimensionales Diagramm wirkte: Sphären in einer Kreisbahn um eine nicht wahrnehmbare ordnende Kraft, eine Psyche als Medium einer kosmischen Konstellation.Craig Owens schreibt: „(…) Als er über die Politisierung des Künstlers sprechen wollte, schrieb Walter Benjamin einen Text mit dem Titel Der Künstler als Produzent, in dem er meint, dass sich der Künstler im Klassenkampf auf die Seite des Proletariats stellen kann, wenn er sich statt auf ein Produkt auf dessen Produktionsweise konzentriert. Goldstein steht zu seinem Werk allerdings in derselben Beziehung wie ein Hollywoodproduzent – wie ein Impresario, der zwar die vielen Aktivitäten aus unterschiedlichen kulturellen Produktionsweisen koordiniert, aber keine einzige von ihnen selbst kreiert. (…) In den 70er Jahren produzierte Goldstein eine Serie von kurzen Filmen mit nur einer Einstellung, sowie eine Reihe von Platten mit Geräuscheffekten. Dabei stellte er keine einzige dieser Arbeiten selbst her, sondern ein Team von Profitechnikern, die unter gleichen oder ähnlichen Bedingungen wie bei kommerziellen Film- und Plattenproduktionen arbeiteten. Goldstein ist also weniger an Film- und Tontechnologien selbst als an deren Wirkungen interessiert. Deshalb nennt man ihn einen Künstler, der mit Film arbeitet, und nicht einen Film- oder Plattenmacher.“
Als Verbindungsglieder zwischen den 70er und 80er Jahren spielten Goldsteins Produktionen eine zentrale Rolle für die amerikanische Kunstszene. Als Vorläufer der später von KritikerInnen „Post-Studio-Art“ genannten Kunstpraxis zeigt seine künstlerische Entwicklung klar und deutlich den Wechsel von einer Rolle als Künstler zu einer als „Kunstproduzent“. Dementsprechend gliedert sich Goldsteins Werk in die Genres von Performance, Film, Audiokunst und Schallplatten sowie Malerei, was eine Kosmologie mannigfaltiger Produktionsweisen ergibt, die mit einem ständigen Wechselspiel von Medien aufgeladen ist.
Obwohl von angeheuerten Industrie- und Medienprofis hergestellt, betonen Goldsteins Produktionen die Stellung des Künstlers als eine, die mitten in jener neuen Art öffentlichen Raums steht, der von dem Spektakel der (neuen) Medien erzeugt wird. Der Wechsel von einer um das romantische „Künstlerindividuum“ zentrierten Ideologie zur Rolle des aktiven „Produzenten“ rührt aus dem Interesse an den Mechanismen, Apparaten und Wirkungen der hollywoodschen Spektakelindustrie der späten 70er Jahre im Lichte der zahlreichen Medientechnologien. In dieser Hinsicht offenbaren seine Produktionen keine naive Faszination für Hollywood. Sie zeichnen nicht nur die Signale und Zeichen dessen auf, was sich damals als weltweite Industrie ausformte, sondern schließt diese gleichzeitig auch kurz. Die Zeichen werden just zu einer Zeit, als Hollywoods weltweite visuelle und wirtschaftliche Hegemonie erst begann, auf die Konstruktion eines Themas innerhalb dessen imaginärer Machtverhältnisse und Geschäftsinteressen übertragen. Goldstein betonte immer die gegenständliche Qualität seiner Produktionen. Seine aus farbigem Vinyl gepressten Schallplatten werden als gerahmte Objekte hinter Glas ausgestellt. Auch der MGM-Löwe wird zu einem (Gebrauchs-)Gegenstand. Mit verstärkter Farbintensität koloriert, als würde er mit Farbe getarnt sein, wird das Bild zu einer isolierten, dem Reich der Industrie entnommenen Ikone. Doch auch als einsame Projektion ist der Löwe immer noch mit der selbstbewussten Geste der Hollywoodindustrie aufgeladen, die sich zuvor noch selbst ausruft, aber durch eine einzige künstlerische Intervention transformiert und unterbrochen wurde. Wir sehen einen Film und zugleich „die Industrie“ dahinter. Der Löwe bedeutet einfach den Film schlechthin, denn die MGM-Ikone ist von zahllosen Kinoerinnerungen durchdrungen und gesättigt. Er verweist auf die dem Kino intrinsische Erfahrung und gleichzeitig auf den immer währenden Trennungsprozess zwischen Zeichen und Bedeutetem. Goldstein versucht hier diese dermaßen mit Bedeutung aufgeladene Ikone so unbedeutsam zu machen, dass sie auf den Status des „reinen Bilds“ zurückfällt.
Das Versprechen libidinöser Erfüllung und der damit einhergehenden Freisetzung des Begehrens des Publikums bleibt so in einem Kreislauf gefangen, der sich selbst allein als die neueste Attraktion ankündigt. Und mit jeder Rückkehr zum Filmbeginn wird die Verführung als bereits in ihrem Ursprung angehaltene Erzählung vervollständigt. Es bleibt nichts außer einem Bild. (CR)
Teile dieses Texts basieren auf einem Interview, das Lionel Bovier mit Fareed Armaly im Herbst 2002 geführt hat. Erstveröffentlichung im Katalog zur Ausstellung Jack Goldstein, Le Magasin Grenoble 2002.



