KARL SIEREK
Aussicht und Einsicht, 2003
Auszug aus: Karl Sierek, Barbara Eppensteiner (Hg.), Der Analytiker im Kino. Siegfried Bernfeld, Psychoanalyse, Filmtheorie, Frankfurt am Main: Stroemfeld2000 / Serie von 13 Digitaldrucken
Sollten Psychoanalyse und Kino unter einem Begriff
zusammengefasst werden, so wohl am besten unter dem einer Kulturtechnik
der Bewegung. Beiden eignet eine für das 20. Jahrhundert wohl
hervorragende Neuerung: Sie haben die Bilder der Welt ebenso wie den,
der sie sieht, aus der Statik befreit; und dies unter technischen, ja
apparativen Voraussetzungen und ebensolchen Begriffen. Die eine
Kulturtechnik bringt die Objekte der Sicht in Bewegung, die andere
macht die Dynamik des Subjekts erfassbar. Was für die zweite Hälfte des
19. Jahrhunderts vielfach als Mobilisierung des Blicks beschrieben
wurde, erhält mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts seine Ergänzung durch
die Erkenntnis der unfassbaren Bewegtheit menschlicher Subjektivität.
Dieses Zusammentreffen wird heute von kaum jemandem ernsthaft in
Zweifel gezogen. Das war nicht immer so. In den zwanziger Jahren war es
kaum üblich, die beiden Kulturtechniken im Bezugsnetz von Zeitlichkeit
und Dynamik zu orten. Einem im Jahre 1925 geschriebenen Drehbuch des
Psychoanalytikers Siegfried Bernfeld kommt das Verdienst zu, die Tyche
von Psychoanalyse und Kino erstmals mit dieser Klarheit und Konsequenz
ebenso künstlerisch wie wissenschaftlich präzise vorgestellt zu haben.
DerEntwurf mit dem programmatischen Titel Zu einer filmischen
Darstellung der Freudschen Psychoanalyse im Rahmen eines abendfüllenden
Spielfilms kann deshalb als einzigartiges Stück Kulturgeschichte gelten.
Das Script lässt sich als gedachter Film lesen. Bernfelds mit
bewundernswerter visueller Kraft geschriebener Text bleibt dennoch, was
er ist: ein Drehbuch. Und ein solches ist – wie jeder mit der Materie
Befasste konzedieren
wird – nur in den seltensten Fällen der reinste Lesegenuss. Kino im
Kopf ist deshalb dem Bernfeld’schen Script als Lesehilfe in der Art
einer filmischen Synchronspur zur Seite gestellt. Sie will die
beschriebenen Bilder kommentierend zum Tanzen bringen und den gedachten Film mit Worten sichtbar machen.
Damit wird jene turbulente Dynamik verdeutlicht, die durch die
Begegnung der beiden eben erst den Kinderschuhen entwachsenen
Kulturtechniken entstand.
Der gedachte Film will zunächst aufklären und bilden. Sein Autor
versteht sich primär als Lehrer, der den Menschen die psychoanalytische
Theorie illustriert nahe bringt. Der volksbildnerischen Tradition des
Roten Wien verhaftet,
war Bernfeld ein begeisterter und begeisternder Vermittler. Er schrieb
nicht nur in Fachzeitschriften, sondern beteiligte sich via Tagespresse
auch an Diskussionen zu Fragen der Psychoanalyse, der Erziehung und der
Schulreform.
Auch Zionismus, Sozialismus, Zensur, Sexualaufklärung und
Populärkultur, und hier nicht zuletzt der Film, beschäftigten ihn
publizistisch. In der Neuen Freien Presse besprach er etwa das Drehbuch
der geplanten Verfilmung
von Arzibaschews Roman Sanin (1925) durch Friedrich Feher, das sich der
schwierigen Aufgabe gewidmet hatte, einen Roman, „der sich in
psychosexuellen Problemen erschöpft“1, in verfilmbare Bilder zu
bringen. Der leidenschaftliche Spielzeugsammler setzte sich dafür ein,
dass Kinder ihre Sachen ruinieren dürften 2, und wandte sich engagiert
gegen Schmutz- und Schundkampagnen. Wie Otto Neurath, der Erfinder der
„Wiener Methode der Bildstatistik“, mit dem er auch während beider
Emigration noch in brieflichem Kontakt stand, beschäftigte ihn die
Frage der Bildlichkeit abstrakter, wissenschaftlich-theoretischer
Erkenntnisse. Sein Entwurf kann daher auch als eine Art „Traumdeutung
pauperum“, ein pictoris mundi der Freud’schen Lehre gesehen werden und
ist insofern Neuraths – allerdings weit erfolgreicherer – Erfindung
durchaus vergleichbar.
Damit wird das Kino nicht nur als Transportmittel, als Medium im
sozialen Konflikt instrumentalisiert, sondern mit seiner ästhetischen
Aussagekraft und seinen technischen Funktionen zum Gegenstand des
sozialen Diskurses gemacht. Und: Es beschreitet den – möglicherweise
ungangbaren – Weg vom Abstrakt-Begrifflichen zum Visuell-Anschaulichen:
vom Sagbaren zum Sichtbaren. So zeigt Bernfelds Entwurf, was
psychoanalytisch geschultes
Denken an Raffinement für die Konstruktion von Erzählungen in Wort,
Bild und Ton zu leisten vermag. Es gelingt ihm nämlich, mit seinem Text
einige Konzepte der Subjektivität dessen abzuhandeln, der einen Film
sieht. Die bewegte Spiralform der narrativen Struktur, die sich in der
dynamischen unddurchlässigen Schichtung der Kiesler’schen Raumbühne
verdichtet, verhindert dabei, dass sich ein starres Verhältnis zwischen
den beiden Kulturtechniken einschleicht und dabei das eine – nämlich der psychische Apparat – zur
Metapher des anderen – des Kinos – verkommt. Sie setzt eine Barriere
gegen die zugegebenermaßen vorhandene Verführungskraft des
Buchstäblichnehmens einer wechselseitigen Metaphorisierung der beiden
Apparate. Die ständig bewegte Raumbühne fordert vielmehr dazu auf,
nicht buchstäblich, sondern eben bildlich genommen zu werden. Bernfeld
stellt kein „Modell“ der Psyche vor, er substanzialisiert den
psychischen Apparat nicht im Sinne eines missverstandenen Begriffs der
Topik. Das Drehbuch bietet stattdessen ein laufendes Bild jenes
Begriffs von Kommunikation, den Jacques Lacan in einer Kritik an einem
späteren Konzept Bernfelds entwirft: Dieser – obgleich „ein
qualifizierter Analytiker“ – demonstriere in seinem (gemeinsam mit dem
Ingenieur und Medizinstudenten Sergei Feitelberg verfassten) Aufsatz
The Principle of Entropy and the Death Instinct, wozu „das Buchstäblichnehmen einer theoretischen Metapher führt“.3 Lacan, der
Bernfeld für einen „der besten Analytiker“ hält, spielt damit auf die
entscheidende Frage an, um die das Drehbuch ohnehin unablässig kreist: ob und wie es möglich wäre, Abstraktionen in Bilder und Begriffe zu gießen.
Die Anlage des Texts als Transformation eines Drehbuchs mit
beigestellter Synchronspur auf die weiße Wand des Secessionsgebäudes
ist damit mehr als die Darstellung eines gedachten Films. Sie will
einen Beitrag zur historischen
Einbettung der Debatte um Psychoanalyse und Kino leisten und darüber
hinaus Anregungen bieten, wie man historischer- und theoretischerseits
überhaupt einem geschriebenen und (noch) nicht in Bild und Ton
transformierten Filmtext begegnen könne. Als erster Beitrag (und sicherlich nicht mehr
als das) zur Diskussion eines methodologischen Entwurfs zur
Drehbuchanalyse mit den damit einhergehenden theoretischen Fragen könnte
diese Übertragung dazu verhelfen, filmische Preproduction in Form von
Scripts etwas mehr in den Blickwinkel aktueller Filmarbeit zu rücken.