Maren Lübbke: Deine Arbeiten - sowohl die Videoarbeiten als auch deine Fotografien - entstehen im Rückgriff auf filmisches Material. Warum ist der Film als Referent wichtig, obwohl er in der Arbeit selbst nicht mehr identifizierbar ist?
Constanze Ruhm: Ich sammle Informationen, baue sie zu einer Art Metainformation zusammen, um sie dann aber in der Arbeit verschwinden zu lassen. Das heißt, ich arbeite ununterbrochen gegen mich selbst, kontraproduktiv. Wenn ich eine Filmszene für ein Bild verwende, werden fast alle ursprünglichen Informationen der Filmszene eliminiert – bis auf Architektur oder Lichtverhältnisse, scheinbar formale Aspekte, die nicht rein formal zu sehen sind. Diese Disposition dient mir als Projektionsfolie für eine andere Erzählung, die über eine bereits existierende Erzählung gelegt wird.
Lübbke: Was sind das für Erzählungen, die dich interessieren?
Ruhm: Es gibt ja so eine Art von kollektiver Erinnerung an Bilder, die jedem vertraut sind und authentische eigene Erfahrungen suggerieren. Diese Bilder entspringen einem allgemein zugänglichen Reservoir, das mich interessiert: das der technischen Bilder, die Fotografie, Fernsehen, Kino und die Neuen Medien uns liefern - inklusive der davon geformten Erzählungen, mit denen wir aufgewachsen sind. Ich versuche, bestimmte Muster festzustellen und diese Strukturen individuell, aber auch gleichzeitig überindividuell zu fassen. Meine Bilder verstehe ich nicht als Aufnahmen eines bestimmten, subjektiven Erinnerungsapparates, sondern eher als deren Auslöser, als Trigger. Es geht auch um so etwas wie eine Synopsis von Dispositiven, die sich über visuelle Konstruktionen vermitteln. Niemand kennt wirklich diese Orte, die ich beschreibe, trotzdem tritt aber so eine Art von unheimlicher Vertrautheit ein.
Lübbke: Es geht also darum, den visuellen Speicher der Menschen auszubeuten, der sich nicht unbedingt auf schon jemals tatsächlich Gesehenes beziehen muss, der aber vorhanden und damit wirklichkeitskonstituierend ist. Wir wissen ja, dass der Film ein Mittel der Fiktionalisierung ist, aber auch, dass Film gleichermaßen Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit hat, beziehungsweise Realität herstellt. Das betrifft auch die Ebene der Emotion, die Film herstellt, und die real erfahren wird.
Ruhm: lch arbeite in diesem Zwischenraum von Konstruktion und Emotion. Diese beiden Elemente sind für meine Arbeit konstitutiv, da ich mich nicht nur frage, wie Bilder konstruiert sind, sondern auch, wie Emotionen konstruiert werden. Warum bringt mich ein Film, den ich eigentlich schlecht finde, trotzdem zum Weinen? Mich interessiert diese perfide Mechanik von Übertragung. Man kann um sein Leiden wissen, ohne es beeinflussen zu können.




