Coming Attraction: On Display / Ornament
Coming Attraction: On Display / Ornament 2002 Fundaçio Mirò, Barcelona /
Vitrine, Kabel, Videoprojektor, Video, Farbsystem, Posterserie
2004 Kunsthalle Bern / Vitrine, Kabel, Diaprojektor mit Dia, Farbsystem

Coming Attraction: On Display / Ornament

It appears that in the earliest years of film showing, at least one exhibitor set up rows of seats allowing the spectators who wished to do so to watch the projection rather than the film. Together with the early, quite general practice of commencing every performance by a demonstration of the workings of the projector, this would seem to provide evidence that the Cinema made its debut in Japan under the auspices of what we may well call (...) the co-presentation of the effective and effected gestures. (...) in: Noel Burch, To the Distant Observer: Form and Meaning in the Japanese Cinema (1978)
On Display: Ornament/ Installationsansichten, Fondaçio Miró , Barcelona 2002

Vitrine

Die Vitrine ist hier kein Behälter von Gegenständen, sondern ein Bildgenerator. Eine ornamentale Übertragung findet statt, die durch die Windungen und Verwicklungen eines elektrischen Kabels führt, um sich schliesslich in einem Ornament aufzulösen, mit dem der Überrest eines Möbelstücks (das Bein eines unechten Chippendale-Tisches) verziert ist. Ein Körper erscheint, der physiologischen und psychologischen Äkonomien unterliegt – eine Welt, halb Körper, halb Psyche, die sich auf ein fragiles System von Kreislauf und Austausch begründet. Der "Kopf" ist durch ein verschlungenes elektrisches Kabel mit dem "Körper"verbunden, und endet in einem Tischbein: ein Fetisch zur Wiederherstellung der zerfallenen Einheit des Realen – Teil eines Gegenstands, der den verlorenen vergeblich zu ersetzen versucht. Während das Kabel elektrische Ströme überträgt, ist das Tischbein mit der Energie des Symbolischen aufgeladen. In dieser räumlichen Collage ist das Bein der einzige geerdete Gegenstand, der selbst wieder den Behälter, der Raum und Abbild hervorbringt, mit dem Boden verbindet. Das Reale wird durch die Syntax einer Sprache der Gegenstände kommuniziert, es zeigt sich als Kondensat supplementärer Interfaces (ein Tischbein, eine Vitrine), die nicht "zeigen", sondern "freilegen" wollen: das Reale wird sichtbar gemacht, indem die immanenten Übertragungs- und Kommunikationsprozesse in den Vordergrund gerückt werden.

Gleichzeitig suggeriert das Kabel den Pfad einer virtuellen Kamera, als wäre die Bewegung dieses unsichtbaren Auges zu einer räumlichen Geste geworden, die in der Welt eine Spur hinterlässt. In einem Film ist die Kamerafahrt mit der Energie des Visuellen aufgeladen. In der Vitrine – einem statischen Paralleluniversum als differente diegetische Form – fliessen durch das Kabel elektrische Ströme. So werden Projektion und Raum zu einer synthetischen Figur, zu einer räumlichen Collage, die aus sichtbaren und unsichtbaren Ornamenten besteht, aus generativen und generierenden Spuren. Das Auge folgt den Windungen des Kabels so, wie es auch einer Kamera folgt; beide Arten von Windung entstehen hier als Ornament innerhalb abgeschlossener, verschiedener diegetischer Container. Die Leere der Vitrine aktualisiert den Raum und das Reale gleichermassen als Konstruktionen, die immer aufs Neue analysiert werden müssen.

On Display: Ornament/ Installationsansichten, Kunsthalle Bern, 2004

Scripts

A_O1.jpg
Digitales Modell der Chippendale-Imitation

Die Vitrine stellt ein Format dar, das aus einer Reihe von Scripts besteht, und ein Bild in hidden line mode zeigt. Dieses Bild erscheint in einem virtuellen Raum, dessen Koordinaten auf den Nullpunkt von "Welt" gesetzt sind, und stellt eine synthetische Figur dar, eine Inszenierung verschiedener Links zwischen sonst voneinander getrennten Welten, Harddrives, Ereignissen, Szenen. In diesem Operating System führt das Kabel entlang der instabilen Konturen von Energieformen, die aus Berechnungen und Algorithmen hervorgehen. Es verkörpert die Bewegung eines Cursors, der durch die Logik einer Welt führt, in der hybride Strukturen und Verbindungen sich zu neuen Subjekten und Subjektivitäten formieren. Zwischen unbekannten und vertrauten Gesten wird die Linie entlang dieser Passage zum Interface, das die Logik einer Kamerafahrt nachbildet. Dessen Grundlagen sind aber nicht mehr an die Schwerkraft gebunden, sondern an Berechnungen im virtuellen Raum. Innerhalb dieser räumlichen Konfiguration entfaltet sich Orientierung als Script in einer Szenerie aus Establishing Shots und Panoramen von Kameraspuren. Zwischen realen und virtuellen Figuren steht "Subjektivität" auf dem Spiel: eine berechnete Darstellung, die zwischen dem Vertrauten und dem Unheimlichen schwankt.

Digitale Modelle ornamentaler Elemente des Tischfußes

Kabel

X12.jpg

Die Vitrine zeigt einen im Fluss der Ströme und Signale angehaltenen Augenblick, einen fragilen Punkt in der Zeit, der sich nur vorübergehend zu einer Form stabilisiert, und die immer Gefahr läuft, sich selbst zu überschreiten. Ein Kabel windet sich durch die Vitrine. Es schirmt eine Erinnerung an die Kräfte ab, die in ihrem Inneren am Werk sind, während Signale zu Netzwerkverbindungen strömen: fragile Zeichen, stets einen Augenblick vor dem Kurzschluss. Solange die Vitrine in einer abgeschlossenen Welt statischer Objekte und festgelegter Haltungen operiert, bietet sie einen stabilen, unveränderlichen Raum. Hier aber nimmt das Kabel einen dazwischen liegenden Weg. Es verwebt den Stoff des Realen, es signalisiert eine spezifische Umwandlung von Welten: vom Objekt zur Syntax, vom Behälter zur Sprache, von Kommodifikation zu Kommunikation.

Signale und Stories

Die Vitrine reflektiert den Raum eines Austausches zwischen Subjekt und Objekt, der entlang einer dynamischen Linie zwischen Transformations- prozessen verläuft, die immer auch Rückstände erzeugen. Das Kabel als Träger elektrischer Signale nimmt die Spur von etwas auf, das nicht mehr vorhanden und dennoch spürbar geblieben ist: Signal einer Einschreibung, die mit der Energie des Symbolischen aufgeladen ist. Das Kabel spürt einem Suchmuster nach, das aus den Räumen zwischen den unvollendeten Erzählsträngen des Imaginären hervorgeht. Es führt durch eine Welt symbolischer Objekte als Mittel zur Wiederherstellung des Realen, die in einem fragmentierten Universum Energie zwischen Projektion und Fetisch kanalisieren. Hier bleibt die Geschichte von Ganzheit in Ersatzobjekten verankert, und den Geheimnissen der Erscheinungen eingeschrieben.

On Display: Ornament/ Installationsansichten, Kunsthalle Bern, 2004

Die Vitrine dient als Behälter für Gegenstände der Betrachtung und Kontemplation. Ein Blick erscheint hier, dem "Werte" beigemessen werden. Dieser Blick wird durch eine Ideologie fokussiert, die eine ideale funktionale Einheit zwischen Objekt und Rahmen verspricht. Die Vitrine stellt eine Inversion dar: ein Ereignis, das seine Bestandteile von innen nach aussen kehrt, und die Spielregeln zum "Nullpunkt" des Behälters zurückspult, um so einen leeren Raum zu erzeugen, in dem sich die Bedingtheit des Verhältnisses von Objekt und Subjekt, von Darstellung und Rahmen in reine Sprache auflöst. Wenn zuvor solide Umrisslinien die Präsentation von Werten absicherten, ist nun alles untrennbar miteinander verbunden.


Neue Richtlinien formieren sich entlang der transgressiven Artikulation eines Ornaments, dessen Muster verschiedene methodische Bewegungen und zeitgenössische Erzählungen nachzeichnen. Das Ornament stellt "Beobachtung" selbst unter Beobachtung, und zeigt Information als eine Anordnung, die den Blick des privilegierten Betrachters nun bloss dem Verlauf eines Kabels folgen lässt: einer mysteriösen Passage durch Subjektivitäten im Augenblick ihrer Entfaltung und Verwandlung.


constanze ruhm 2005-2009 / alle Rechte vorbehalten