Evidence
Evidence 1999
Video, Farbe, stumm, 5:30 min
Serie von fünf digitalen Fotografien

Evidence

EVIDENCE zeigt Ausschnitte einer virtuellen Szenerie, die in OFF ihren Anfang nahm. Zu sehen ist ein unwirtlicher Ort, der in einer verlassenen nächtlichen Landschaft angesiedelt ist, entstanden aus einer Rekonstruktion kollektiver Erinnerungen. EVIDENCE ist eine Erfindung, eine Konstellation von Architekturen, fiktiver Schauplätze und Abbildern, gewonnen aus dem Gedächtnis der Bildmedien – zufällige Arrangements. Es ist kein Ort, den man besuchen will.

„EVIDENCE“ könnte ein Ortsname sein: EVIDENCE, CA..., ein Gedankenspiel als Zusatz, der dem Begriff eine zweite Realität verleiht. EVIDENCE könnte ein Paradies versprechen, eine Utopie beschwören, deren Entzauberung in jenem Moment einsetzt, in dem man des Ortes ansichtig wird. So ist EVIDENCE Spiegel der eigenen Entstehung – nicht mehr als das, was sichtbar wird, und ein Beweis letztlich nur dafür, dass etwas zu sehen ist. bloß stummer Zeuge seiner selbst. Kein anderes Leben wird davon berührt.

Stills aus Badlands (Terence Malick)

EVIDENCE ist eine Filmkulisse, oder ein matte painting, das folgende Architekturen abbildet (bzw. hier als virtuelle Modelle rekonstruiert): Eine Imbissbude (aus dem Film Je t'aime moi non plus von Serge Gainsbourgh, F 1975), eine Hütte (die Behausung des UNA-Bombers Ted Kaczinsky in Lincoln/Montana), ein Kino (nach einer Fotografie von Julius Shulman: das Terrace Theater in Los Angeles 1938), einen Hangar (ein Lager des FBI, in dem Kaczinskys Hütte als Beweismaterial aufbewahrt wird), eine Bühne (aus Badlands von Terence Malick, USA 1973), ein Strandhaus (aus Kiss Me Deadly von Robert Aldrich, USA 1955).


Zu sehen sind digitale Kulissen in einer Landschaft, über die nicht plötzlich die Nacht hereingebrochen ist, sondern die eine Dunkelheit ausstrahlt, die nur aus der völligen Abwesenheit von Licht entsteht.

Ted Kaczinskys Hütte in einem FBI Hangar / Still aus Kiss Me Deadly
Still aus Je t'aime moi non plus (Serge Gainsbourgh)

EVIDENCE stellt das Set eines Films dar, der nie gedreht werden wird, weil es keine Geschichte gibt, die erzählt werden will, und keine Darsteller/innen. Es ist bloß Abwesenheit, von der berichtet wird: Verlassene Hütten, leere Buden, halbverfallene Hangars, staubige Wüstenstraßen in einer sternlosen Nacht. Die Architektur selbst wird hier zur Darstellerin. Jedes Gebäude spiegelt eine Wirklichkeit wieder, die ihren Ursprung in der Kondensation von Geschichten zu Orten, Momenten und Gesten hat, um immer neue Fiktionen zu generieren: Ein Rendezvous narrativer Formen und Fiktionen, die auf einer Grammatik kollektiver Fantasien beruhen. EVIDENCE ist nicht mehr als der Beweis der Beweisaufnahme. Eine Spurensicherung, die nichts anderes tut, als die Spuren der Menschen für unbekannte Zwecke zu sichern – die Spur wird hier Gegenstand radikalster Spekulation.

HUT, 2001 / C-Print auf Aluminium, 180x240 cm
TERROR, 2001 / C-Print auf Aluminium, 214x180 cm

Das Abbild von Ted Kaczinskys schweigender Behausung wird von einer Leuchtschrift in der Dunkelheit kommentiert, die Fiktion verspricht und Wirklichkeit einlöst. Die Hütte: Ort des Rückzugs, der Weltflucht, der Einsiedelei, der heimlichen Affäre (von Thoreaus Walden über Laugiers Konzept der „Primitiven Hütte“ bis zu Lady Chatterly von D. H. Lawrence), eine Projektionsfläche romantischer Delirien des Zivilisationsflüchtlings an den Rändern der Welt. Der Weg von ''Terrace'' zu ''Terror'' ist von dort für die Betrachter/innen, die einen Augenblick unaufmerksam, zuerst nur einen flüchtigen Blick auf die Aufnahme werfen, nicht weit. Im schnellen Abschweifen des Blicks verwandelt sich die Leuchtschrift ''Terrace'' zu ''Terror'', wird der Lesefehler zur Bildwirklichkeit, zum Kalkül der visuellen Inszenierung, die sich als durchsichtige Schicht an der Oberfläche des Bildes entfaltet, wo die Sprache plötzlich endet und unter der Form verlöscht. Die ursprünglichen Ankündigungen und Attraktionen sind verschwunden, die Buchstaben ausgelöscht. Stattdessen kündigt sich eine andere Wirklichkeit an: Terror.


Die Filme, deren Titel man auf Shulmans Fotografie erkennen kann, sind zweitrangige Werke: Bahama Passage (Edward H. Griffith, USA 1941) heißt der eine, It started with Eve (Henry Koster, USA 1941) ein anderer – zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade herausgekommen, heute nirgendwo mehr zu sehen. Merkwürdig erscheint es, dass die Credits das Foto ins Jahr 1938 datieren, die Filme aber aus dem Jahr 1941 stammen.

HANGAR, 2001 / C-Print auf Aluminium, 214x180
SNACK, 2001 / C-Print auf Aluminium, 300 x 180 cm

EVIDENCE ist kein Panorama, eher eine Anordnung in einer Wüste, die jener aus Pier Paolo Pasolinis Teorema (Italien, 1969) nahe steht, aber auch den Wüsten aus Der Wüstenplanet (David Lynch, USA 1984) oder aus Simon del Desierto (Luis Bunuel, Mexiko 1965) verwandt ist – vielleicht auch den leeren nächtlichen Grenzgebieten aus Orson Welles Touch of Evil (USA 1958), und auch der unterirdischen Höhle aus der Erzählung Der Bau von Franz Kafka aus dem Jahr 1918.


''Wer versteht schon eine Wüste?'' fragt Deleuze. Die Aussicht (''Terrace'') wird zum Schrecken der Ansicht, oder des Umstandes (''Terror''). Das Beweismaterial dient immer den Falschen. Es könnte auch geschehen, dass es einfach verschwindet. Die Geschichte wird hier also nicht bewiesen.




Ted Kaczynskis Hütte wird als Beweismaterial abtransportiert.
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