RAINER KIRBERG

3, 2003
Drehbuchseiten, Serie von 15 Digitaldrucken
21 Drehbuchillustrationen (Zeichnungen von Stefan Albers)
Video, Farbe, Ton, 10 min

EIN PROJEKT ZUM BEETHOVEN-FRIES

DER BEETHOVEN-FRIES ALS BEZUGSSYSTEM DES PROJEKTS

Im Bildprogramm seines Frieses verfolgt Klimt eine doppelbödige Erzählstrategie. Sie manifestiert sich an der Figur des Helden der Erzählung, des „wohlgerüsteten Starken“. Diese Figur entstammt einerseits – insofern der „wohlgerüstete Starke“ stellvertretend für die „schwache Menschheit“ aufbricht, um die „feindlichen Gewalten“ zu besiegen – dem narrativen Modell der Initiationsgeschichte, der zufolge der Held sich in der Konfrontation mit der Realität von der imaginären Welt der Kindheit emanzipiert und in die Erwachsenenwelt eintritt.

Script und Storyboard-Illustration

Andererseits – und im Gegensatz hierzu – ist es Klimt im Beethoven-Fries um eine Erlösungsgeschichte zu tun: Der „wohlgerüstete Starke“ steht für den (Secessions-)Künstler, der der „schwachen Menschheit“ Trost im „idealen Reich“ der Kunst spendet, sie also in eine imaginäre Welt jenseits der von den „feindlichen Gewalten“ beherrschten Realität führt. Das Programm des Frieses kann also als Hybrid aus zwei Erzählungen gelesen werden, die einander auf widersprüchliche Weise ablösen und ergänzen. Die heroische Botschaft der Initiationsgeschichte – Sieg über die „feindlichen Gewalten“ – wandelt sich zum Programm der Erlösung durch die Kunst, in dessen Logik die Konfrontation mit eben jenen Gewalten ausbleibt: „Die Sehnsüchte und Wünsche der Menschen fliegen darüber hinweg.“ Bewusst oder unbewusst hat Klimt dieser Mehrdeutigkeit seiner Erzählung Rechnung getragen, indem er dem Schlussbild des Frieses einen im buchstäblichen Sinne entrückten Platz zuweist: Das diesem Bild vorausgehende Segment bleibt als einziges im gesamten Fries unbehandelt; es funktioniert als Zäsur, die das Schlussbild von der Erzählung abtrennt. Diese Leerstelle ist Symptom der ungelösten Widersprüche des Klimt’schen Programms: Bevor die heterogenen Erzählebenen zu ihrem – unmöglichen – Ende kommen, werden sie unterbrochen. Gerade jene Apotheose der Harmonie, die das Happy Ending beider Erzählungen beschwört, ist aus dem Fluss der Erzählung ausgelagert.

An dieser Leerstelle, einem ebenso unscheinbaren wie bedeutenden Segment des Frieses, setzt meine Arbeit an.

Illustrationen der Erzählstruktur

DAS PROJEKT

Die Erzählung schreibt die ungelösten Widersprüche der Klimt’schen Bildprogrammatik produktiv fort. Im Zentrum der Arbeit steht die oben lokalisierte narrative Leerstelle. Von ihr ausgehend, soll auf der Grundlage zeitgenössischer Sujets das thematische Substrat des Frieses als dramatisches Dilemma, als unvollendeter Dialog anschaulich werden. Die Arbeit gliedert sich in drei Segmente, die den Stadien der filmischen Produktion entsprechen: Screenplay – Storyboard – Film. Dabei soll aber nicht ein und dieselbe Erzählung in den drei Zuständen ihrer Entstehung präsentiert werden – ein solches Konzept würde allzu sehr in der Didaktik des how to make a film verharren, also der industriellen Rationalität gehorchen, der zufolge der Film das definitive, Script und Storyboard hingegen untergeordnete Stadien des Produktionsprozesses sind. Vielmehr ist eine Rauminstallation beabsichtigt, die jedem dieser „Aggregatzustände“ der Erzählung eine gleichberechtigte Stellung zuweist.

Setfotos (Fotografie: Andrea Salzmann)

Die in drei Segmente (Akte, Episoden) zerlegte Erzählung wird überdies ihrer linearen Struktur entkleidet, indem sie – gewissermaßen räumlich – auf sich selbst zurück bezogen wird (Abbildung 2). Die Zwangsläufigkeit des „Teufelskreises“, die diese Struktur auszeichnet, bildet zugleich die formale Schnittstelle zum Sujet. Erzählt wird die Geschichte dreier Menschen – sie stellen in den drei Segmenten jeweils den Protagonisten/die Protagonistin –, deren Lebenswege sich mehr oder minder absichtsvoll und mit einschneidenden Folgen kreuzen; damit verstricken sie sich wechselseitig in eine übergreifende Ereigniskette. Die Charakterprofile der drei sind, obgleich zeitgenössisch, dem Themenkreis des Klimt-Frieses entlehnt:

Die Figur des „wohlgerüsteten Starken“ wird, dem widersprüchlichen Blick Klimts auf seinen Helden entsprechend, in zwei Charaktere aufgespalten. Der Deutungsmodus der Initiationsgeschichte liegt der Figur eines islamistischen Attentäters zugrunde, der seine Mission, die „schwache Menschheit“ von den „feindlichen Gewalten“ zu befreien, auf die ihm eigene Weise verfolgt. Dem Geist der Erlösungsgeschichte gehorcht die Figur eines Biotechnikers, der die „schwache Menschheit“ aus den Beschränkungen ihres natürlichen Daseins herausführen und ihr das „ideale Reich“ einer durch biogenetisches Engineering verbesserten Spezies eröffnen will. Und schließlich verkörpert eine junge Frau einen ambivalenten Charakter, der das Klimt’sche Phantasma der dionysisch-zerstörerischen Weiblichkeit, wie es an der Stirnseite des Frieses anschaulich wird, auf den Boden der Jetztzeit stellt. Die Verschränkung der Lebenswege dieser drei Charaktere, welche sie zu Protagonisten einer Geschichte macht, ergibt sich wie folgt:

PLOT A (SCRIPT)
Der Attentäter – ein intelligenter, im Westen ausgebildeter Mann – kommt als Wissenschaftler getarnt an ein Forschungsinstitut in Mitteleuropa. Seine Zielperson in dieser verdeckten Operation ist der Biotechniker, der an einem Impfstoff gegen ein gentechnisch zur Biowaffe aufgerüstetes Virus arbeitet. Der Biotechniker erkennt im letzten Moment die Identität seines Kollegen und muss den Gegenstand seiner eigenen Arbeit vernichten, um zu verhindern, dass er in den Händen des Attentäters zur tödlichen Bedrohung wird.

PLOT B (FILM)
Unter dem Eindruck dieser Erfahrung gibt der Biotechniker seine Arbeit auf und trennt sich von seiner Frau, um mit seiner Geliebten – einer jungen Frau, die er als Mitarbeiterin eines Escort-Service kennen gelernt hatte – ein neues Leben zu beginnen. Die junge Frau hatte lange Zeit Hoffnungen an die Affäre geknüpft und ihren Job aufgegeben, in der Zuversicht, der Biotechniker werde sich für sie entscheiden. Als es nun endlich so weit zu sein scheint, erkennt sie für sich, dass dieser Traum eine Illusion ist. Aus enttäuschter Liebe sucht sie eine Neuorientierung in ihrem Leben – sie wird Berufssoldatin.

PLOT C (STORYBOARD)
Im Krisengebietseinsatz gerät die junge Frau mit ihrer Kompanie in einen Hinterhalt islamistischer Freischärler. Während ihre Leute den Kampf aufnehmen, wird die junge Frau gefangen genommen. Der Kopf der Freischärler – der Mann, den wir aus Plot A kennen – sorgt mit Besonnenheit dafür, dass ihr von seinen Kameraden nichts angetan wird. Als die Kompanie Verstärkung erhält und den Freischärlern die Niederlage droht, gelingt es dem Anführer, die junge Frau als Faustpfand für seine Freiheit zu benutzen und zu entkommen.

Setfotos (Fotografie: Andrea Salzmann)

3/A – SCRIPT Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Kathryn Nixdorff, Dr. Jan van Aken Grafik: Claudia Kefer
Autor: Rainer Kirberg


3/B – FILM Maria: Alexandra Henkel Dr. Weiss: Dietmar König Kamera: Harald Staudach Musik: Volker Kirberg Schnitt: Harald Aue Kostüm & Ausstattung: Sabine Volz, Andrea Salzmann, Rainer Kirberg Maske: Martha Ruess Ton: Bruce Hops Licht: Gerhard Deimel 2. Kamera: Alf Staudach Tonassistenz: Johannes Plaschka Licht/Bühne: Erich Mader Produktionsassistenz: Thomas Knötzl Produktionskoordination: Betty Pernegger Produzent: Ernst Mican Drehbuch & Regie: Rainer Kirberg


3/C – STORYBOARD
Illustrationen: Stefan Albers
Konzept & Entwurf: Rainer Kirberg

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