SCREEN (GEGRÜNDET 1959, NEUAUFLAGE 1971)

22 Ausgaben der Zeitschrift Screen, 1971–1984, Materialsammlung, Filmprogramme

Mark Nash

DER MOMENT VON SCREEN Claire Johnstone gewidmet

Ich stelle in der Secession eine Reihe von Artefakten aus: Ausgaben der Filmzeitschrift Screen sowie Schaustücke zur Filmkultur der Zeit von 1971 bis 1984. 1971 markiert den Beginn des „neuen“, von Sam Rohdie herausgegebenen Screen. Zur selben Zeit begann ich gerade eine Postgraduiertenausbildung in Filmwissenschaft an der Slade School of Fine Art Film Unit (University College London), wo Noël Burch, dessen Arbeit ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wird, als Gastlehrbeauftragter wirkte. Noëls Einfluss war immens. Er fokussierte unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf die detaillierte Analyse von Szenenabfolgen, Szenen und Einstellungen, sondern auch auf den Raum innerhalb und ausserhalb der Leinwand. Damit trug er wohl mehr als jede/jeder andere dazu bei, unser Augenmerk auf der Materialität der Kinoerfahrung zu belassen. (Dass einige seiner SchülerInnen danach theoretische Differenzen mit ihm haben würden, war nur folgerichtig.)

1984 wiederum markiert den Beginn von Channel 4, der während der ersten Phase von Margaret Thatchers Regierung gegründet wurde und als vierter Fernsehsender in Großbritannien radikale in- und ausländische Arbeiten forcierte. Der Sender unterstützte auch den Wechsel von rein theorielastigen Arbeiten zu einer theoretisch bewussten Praxis, den ich und viele Freunde/Freundinnen und KollegInnen zu jener Zeit vollzogen. Die Workshop Declaration aus dem Jahr 1984 ermöglichte neu gegründeten Gruppen wie Sankofa (von welcher der ebenfalls in der Secession vertretene Isaac Julien ein Gründungsmitglied war) Produktionen, die nicht nur Form und Inhalt existierender Film- und Fernsehformate widersprachen, sondern auch die Wichtigkeit einer Gruppen- und Kollektivarbeit betonten, die in Großbritannien schon in den Filmkooperativen und der oppositionellen Filmbewegung vor dem Zweiten Weltkrieg Bedeutung erlangt hatte. Die hier ausgestellten Dokumente bezeugen die Lebhaftigkeit dieser Zeiten, in denen Diskussionsgruppen und Wochenendseminare gleichsam wucherten. Ich widme meine Präsentation der Mitbegründerin der Women’s Film Group, der feministischen Filmtheoretikerin und Aktivistin Claire Johnstone, mit der ich damals an vielen Projekten zusammengearbeitet habe. Ihre Handschrift sieht man über ein paar der ausgestellten Zettel gekritzelt. Claire studierte Wirtschaft an der London School of Economics, wo sie sich einen polemischen Argumentationsstil aneignete, der ihr zu jenen streitbaren und aufsässigen Zeiten einen guten Stand verschaffte.

Es war die Zeit der Schreibmaschinen und Wachsmatritzenabzüge. Fotokopien waren noch zu teuer und wenig verbreitet, und niemand von uns hatte natürlich einen PC. Diese wachsbezogenen Karbonblätter wurden liebevoll oder verzweifelt betippt und dann mehr oder weniger gekonnt auf diese komplizierten Gestetner-Maschinen montiert, die zwar Tinte verspritzten, aber irgendwie doch alle Kopien herstellten, die man für das nächste Treffen oder
den nächsten Vortrag brauchte. Die Dokumente sollen hier sozusagen als Beitrag zu einer Archäologie der Filmtheorie und als Zeugnisse jener vielen Verbindungsglieder dienen, die es damals zwischen Filmtheorie und Filmemachen gab, nämlich die London Women’s Film Group, The Other Cinema, das Newsreel Collective, das Edinburgh Festival, The Independent Film-Makers Association usw.

Die Diskussionstitel sind ebenfalls bezeichnend für die damaligen Zeiten: „Politik und Produktion theoretischer Zeitschriften“, „Kunstpolitik – Theorie und Praxis“, „Kino als soziale Handlung“, „Warum Theorie?“, „Bemerkungen zur Idee des ‚Alternativkinos‘“ etc. Ich habe mich dazu entschlossen, als visuellen Kontrapunkt zu diesen Dokumenten auch Auszüge aus Filmen zu zeigen, die Thema zahlreicher Debatten in Screen waren. In den 70er Jahren war der Filmauszug ja die beliebteste Filmunterrichtsform. Das British Film Institute hatte ein großes Archiv solcher Auszüge, das tatsächlich als eigener Film gezeigt werden konnte. Doch ob wir nun wollen oder nicht, befinden wir uns heute am Beginn eines digitalen Zeitalters, in dem Film ein schwieriges Ausstellungsmedium geworden ist. Nichtsdestotrotz können wir einige Avantgarde- und Experimentalfilme von damals im Rahmen von Fate of Alien Modes im Filmmuseum und in der Secession sehen. Parallel dazu zeige ich eine Dokumentation über Jacques Lacan, die den überwältigenden Einfluss der Psychoanalyse in den 70er Jahren belegen soll. Meine Präsentation pendelt also zwischen dem Archäologischen – in Glasvitrinen ausgestellte Schaustücke einer vergangenen Epoche – und dem Versuch, die immer noch wirksame Vitalität dieser Ideen und Bilder durch die Bewegung des Films selbst und die Bewegung der BesucherInnen von heute in der Ausstellung zu zeigen.

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