Trans / Planting (In Passages) 2005
Entwurf für ein Projekt im öffentlichen Raum
Wettbewerbsbeitrag für eine künstlerische Gestaltung
U-Bahn Westpassage, Karlsplatz (Wien)
Trans / Planting (In Passages)
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| Akanthusblüte/Karlskirche (digitales Modell) |
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In all their complexity, the unintentional, often
overlooked urban images correspond to the
ornamental form of dream-reason. For they
come into being (…) without having been planned
in advance. They are not compositions but
creatures of chance that cannot be accounted
for. Where masses of stone and street converge,
since their elements result from completely
different interests – an urban image arises
that has never been the subject of any interest.
It has been shaped as little as nature has and
resembles a landscape in that it asserts itself
unconsciously. Unconcerned about its own
appearance, it slumbers through time.
(Henrik Reeh, Ornament of the Metropolis, 2004)
1.1. SYNOPSIS / Site Definition
Trans/Planting (In Passages) ist ein Projektvorschlag
für eine künstlerische Gestaltung der Fussgängerpassage Karlsplatz/
Westpassage. Der Ausschreibungstext rückt die Verwendung von standardisierten Serien von Wandvitrinen-Elementen in den Vordergrund, die sowohl im bereits vorhandenen wie auch im neu zu errichtenden Teil der Passage angebracht werden
sollen.
Die architektonische Ausdrucksform einer Fussgängerpassage leitet sich vor allem von funktionalen Parametern ab. Diese Parameter ergeben sich unter anderem aus den spezifischen
Funktionen der öffentlichen Fussgängerpassage im U-Bahn-Bereich, die eine möglichst effiziente Organisationsform von Raum, Bewegung
und Orientierung in bezug auf das tägliche Passantenaufkommen gewährleisten soll. In anderen Worten ausgedrückt, basiert die
Architektur einer Fussgängerpassage vor allem auf dem Ziel, ihre technische Konstruktion, das „engineering“, hinsichtlich verschiedenster
Faktoren und Anforderungen zu optimieren. Daher erscheint die architektonische Ausdrucksform einer solchen Passage oft als
ein blosser Nachsatz, ein „afterthought“, eine Nachträglichkeit zu ihren funktionalen Aspekten. Diese Überlegung stellt sich vor allem im Licht
der Erkenntnis ein, dass es doch vor allem Menschen sind, die durch diese Passage geschleust werden sollen – und nicht bloss
Kabel und Rohre.
Passagen als transitorische Zonen – und die
Westpassage bildet hier keine Ausnahme – repräsentieren reduzierte, minimale Form/Funktions-Container, die möglichst ökonomisch
gestaltet, gleichmässig beleuchtet, und befreit von jedem überflüssigen Detail erscheinen, um nicht von der grundlegenden Aufgabe, die
Bewegung von Passanten zwischen verschiedenen Koordinatenpunkten zu organisieren, abzulenken. Auch das Vorkommen von Farbe – in diesem Fall, kompakte orange Wandverschalungen als „identity“ des U-Bahn-Bereichs – dient dazu, daran zu erinnern, dass in einer noch etwas tiefer liegenden Schicht eine andere Form urbanen „engineerings“ zu finden ist: die Tunnel und Schienen der U-Bahn.
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| Karlskirche / Secession / Akademie der Bildenden Künste |
1.2 SYNOPSIS / Architektur in der Umgebung: Ornament
Die urbane Zone oberhalb und im anliegenden
Umfeld der Passage besitzt spezifische Qualitäten,
die für die Passanten beim Durchqueren
des Untergrunds atmosphärisch gewissermaßen
mitschwingen. Die Passage öffnet sich
an mehreren Punkten zum Stadtraum hin, an
denen sich Gebäude befinden, die besondere
architektonische Ausdrucksformen aufweisen –
das Gebäude der Secession; hinter dem Neubau
des Akademiehofes gelegen, die Akademie
der Bildenden Künste und, in etwas weiterer
Entfernung am Ende des Resselparks, die
Karlskirche. Alle drei Bauwerke können als
Ikonen der Wiener Architekturgeschichte aufgefasst
werden.
Das Projekt Trans/Planting (in Passages)
entwirft für diese besondere urbane Situation
einen spezifischen Ortsbezug, der im Folgenden
weiter erörtert wird.
Trans/Planting (in Passages) versucht, eine
zeitgenössische räumliche Definition für diesen
Zwischen- und Bewegungsraum zu entwickeln,
den die Passage im Untergrund aufspannt.
Dies geschieht, indem versucht wird, den extremen
Kontrast zwischen den drei ikonischen
Gebäuden, die sich jeweils in der Nähe eines
der Ausgänge befinden, und auch der Passage
als zeitgenössischer städtischer Formulierung
zu überbrücken. In der Entwicklungsphase des
Projekts entstand in diesem Zusammenhang
ein Fokus auf den Begriff des "Ornaments",
um so auf die unterschiedlichen ornamentalen
Programme der drei relevanten Gebäude eingehen
zu können – somit also auch auf die Rolle
des Ornaments als einer „Figur“, die sich als
spezifische Ausdrucksform und über Zeiträume
hinweg auf unterschiedliche Weise in die Wiener
Architekturgeschichte eingeschrieben hat.
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| Ornamente: Karlskirche / Secession / Akademie |
Trans/Planting (in Passages) versucht,
einen Bezug zur Geschichte des Ornaments in
der Stadt herzustellen – dies auch hinsichtlich
des Umstandes, dass Formen ornamentaler
Gestaltung in der architektonischen Definition
und Konstruktion von Fussgängerpassagen
weitgehend abwesend sind, während sie doch
im Gegensatz dazu an Gebäudefassaden so
deutlich in den Vordergrund treten.
Jedes der drei Gebäude, die sich an jeweils
einem der Passagenausgänge befinden, zeigt
innerhalb seines spezifischen ornamentalen
Programms eine dominante, abstrahierte Pflanzenform:
Lorbeer in der Kuppel der Secession;
Efeu und Efeuranken an der Fassade und in
den Deckenfresken der Akademie; Akanthus,
eine mediterrane Distelart, die als Ornament
schon in der antiken Architektur auftauchte,
an der Karlskirche. Diese drei unterschiedlichen
Pflanzentypen werden zu Ausgangspunkten,
aus denenTrans/Planting (in Passages) eine
ornamentale Syntax für die Fussgängerpassage
entwickelt.
1.3 SYNOPSIS / Natur und Kultur, Hybrid und Chimäre
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| Lorbeer / Efeu / Akanthus |  |
Lorbeer, Efeu und Distel gehören zu Pflanzenfamilien,
die in der Natur nicht miteinander
gekreuzt, nicht zu einem Hybrid(1) „vermischt“
werden können. Da sie als Arten genetisch zu
verschieden sind, können die Gattungsgrenzen
nicht übersprungen werden. In Trans/Planting
(in Passages) ist es nicht „Natur“, sondern
„Kultur“ (in diesem Fall, digitale Kultur, der
Einsatz von virtuellen Programmen), die eine
neue Anordnung der drei Pflanzen erlaubt, um
sie virtuell miteinander zu kreuzen, und so eine
Chimäre(2) daraus hervorzubringen.
Diese neue Chimären-Pflanze verlagert den
Schwerpunkt des Projekts auf die Rolle des
Ornaments innerhalb von architektonischen
Programmen, und auf dessen Verwandlung von
einer Rand- zur Hauptfigur, indem die eher zufällige,
untergeordnete Rolle, die Pflanzenmotive
in architektonischer Ornamentik spielen, in den
Mittelpunkt gerückt wird.
Gewissermaßen
als Antwort auf den Versuch
der Moderne, das Ornament aus der Architektur
zu verdrängen, lösen sich ornamentale
pflanzliche Formen von den Gebäuden und
wandern in den Untergrund, um dort im Verborgenen
als Chimären-Pflanze weiterzuwuchern.
Symbolisch ist es hier erst der Bau der
neuen Passage, durch den diese Untergrund-
Pflanze, in einem quasi-archäologischen Prozess,
freigelegt wird: sie wächst und wuchert,
nun an bestimmten Stellen im Untergrund sichtbar
geworden, unterirdisch durch die
Passage und ihre Wände, und verbindet so
auch die drei Gebäude mit der Unterführung
zu einer neuen räumlichen Erzählung.
Diese Chimäre stellt also eine Wendung der Natur dar, die sich als der Welt der Medien
und der zeitgenössischen Kultur angehörig
zeigt. Ihre Identität ist transgressiv und
instabil, und als Teil einer spekulativen Erzählung,
die Vergangenheit mit Zukunft verbindet,
ist sie mit Eigenschaften ausgestattet, die sich
kontinuierlich verändern. Sie stellt ein neues
Ornament dar, das Natur und Kultur miteinander
verwebt.
Indem das Projekt sich der Möglichkeiten der
Sprache digitaler Programme zur Erzeugung
der Pflanzen, ihrer Eigenschaften und ihres
Wachstums bedient, stellt es eine Synthese der
Charakteristiken der echten Pflanzen, und der
diesen zugrunde liegenden Umformulierungen
zu den Ornamenten der drei Gebäude dar. Das
dichte Wechselspiel von Blattwerk, Blüten und
ornamentalen Strukturen verkörpert also auch
eine komplexe Überlagerung verschiedener
Scripts und Erzählungen. Neue Routen (Ranken)
und Ereignisse (Blüten) zeigen sich hier, die
als Charaktere/Figuren zwischen Naturform und
architektonischem Index oszillieren.
(1) 1. Genetics The offspring of genetically dissimilar
parents or stock, especially the offspring produced by
breeding plants or animals of different varieties, species,
or races. / 2. a. Something of mixed origin or composition.
/ b. Something, such as a computer or power
plant, having two kinds of components that produce
the same or similar results. / 3. A word whose elements
are derived from different languages.
(2) 1. a. An organism, organ, or part consisting of
two or more tissues of different genetic composition,
produced as a result of organ transplant, grafting,
or genetic engineering. / b. A substance, such as an
antibody, created from the proteins or genes or two
different species. / 2. An individual who has received
a transplant of genetically and immunologically different
tissue. / 3. A fanciful mental illusion or fabrication.
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| Digitale Pflanzen-Chimären |
2.1 TREATMENT / Ausführung
Modernity’s equivalent to a natural landscape is
an urban space. (Henrik Reeh, Ornament of the Metropolis, 2004) Dass in dem Massenornament die Natur
entsubstanzialisiert wird: dies genau ist ein
Hinweis auf den Zustand, in dem das allein
von der Natur sich behaupten kann, was der
Erhellung durch die Vernunft nicht widersteht.
So sind auf den alten chinesischen Landschaftsbildern
die Bäume, Teiche, Berge,
nur als dürftige ornamentale Zeichen noch
getuscht. Die organische Mitte ist herausgenommen,
und der unverbundene Restbestand
nach den Gesetzen komponiert, die ein zeitlich
wie immer bedingtes Wissen um die Wahrheit
gegeben hat; nicht nach denen der Natur.
Reste nur des menschlichen Komplexes
gehen auch in das Massenornament ein.
(Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse, 1963)
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| Modell der Passage |
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Ornamentale Korrespondenzen
Trans/Planting (in Passages) bringt eine virtuelle
Pflanzen-Chimäre hervor, die durch die
Figur des Ornaments „geroutet“ wurde. Das
Projekt eröffnet einen Raum von Korrespondenzen,
der aus der „natürlichen Landschaft
der Moderne“, dem Stadtraum, hervorgeht, um
eine neue, hybride Identität als ornamentales
Programm für eine Fussgängerpassage zu
schaffen.
Die Passage und drei ihrer Hauptausgänge
(einer davon ist der Ausgang des neuen Seitenarmes,
der wie ein Zweig aus der bestehenden
Westpassage herauswächst, und sie zur
Secession hin öffnet), verbinden drei architektonische
Ikonen miteinander: Fischer von Erlachs
barocke Karlskirche (1716–1739), Theophil
Hansens historistische Akademie der Bildenden
Künste (1871–1876), und das „jüngste“ Gebäude
darunter, die Secession von Joseph
Maria Olbrich aus dem Jahr 1898. So werden
die alte Passage und ihr neuer Seitenarm zu
einer Orientierungsachse im urbanen Raum.
Die Gebäude befinden sich in unmittelbarer
Nähe der Ausgänge, nur die Karlskirche liegt
in einiger Entfernung, dominiert aber atmosphärisch
den Bereich, der den Ausgang umgibt.
Jedes Gebäude kann als urbanes „Zeichen“
aufgefasst werden, das unterschiedliche
institutionelle Konzepte kodiert: die Secession
als Zeichen für „Kultur/Kunst“, die Akademie
als Institution zur Vermittlung von Kunstpraxis
und -theorie, die Karlskirche als Repräsentantin
von imperialer Macht und Religion.
2.2 TREATMENT / Ikonen und Programme
Die Architektur jedes Gebäudes umfasst ein
übergeordnetes Programm, aus dem mehrere
Sub-Programme hervorgehen, deren unterschiedliche
Codes gemeinsam die besondere
und wieder erkennbare Identität des Gebäudes
darstellen. Zu diesen Sub-Programmen gehört
auch eine jeweils spezifische Ornamentik.
Der eklektische ornamentale Stil der barocken
Karlskirche repräsentiert eine Form von „Welt-
Ornament“, das symbolische Formen aus
islamischen, asiatischen und europäischen
Ornamentiken beinhaltet. So erscheint die
Kirche als überbordende, barocke Inszenierung
imperialer Macht. Die Ornamente der Kirche,
ihre Säulen, „wachsen“ gewissermaßen in den
Himmel – auch, um das Wirken eines Gottes
in der Natur als Dynamik zu zeigen.
Das ornamentale Programm der Akademie
der Bildenden Künste von Hansen gibt sich –
allerdings nur vergleichsweise – sparsam. Das
Gebäude zeigt an seiner Aussenfassade ein
ornamentales, vertikal betontes Erzählmuster,
während das Innere der Akademie, vor allem
die Decken, mit gemalten Fresken ausgestattet
sind, die als zusätzliche Bildmetaphorik in
Erscheinung treten: gemalte Nachsätze zu den
stabilen Wänden und Strukturen des Gebäudes,
die sein Inneres in eine stützende „Leinwand“,
in einen blossen Untergrund für Malerei,
verwandeln.
Das Secessionsgebäude gehört der Jugendstilarchitektur
der Jahrhundertwende an, die den
Beginn der Moderne in Wien und den Bruch
mit überkommenen Traditionen markiert. Die
ornamentalen Inskriptionen verweisen auf eine
transgressive Bewegung, entlang derer sich
das Ornament von einer Oberflächen-Erzählung
in ein Strukturmuster verwandelt, von dem das
Gebäude gewissermaßen zusammengehalten
wird.
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| Modell der Passage: Ausgang zum Resselpark / Karlskirche; Ausgang zur Akademie; Ausgang zur Secession |
Pflanzen-Identität: Hybrid vs. Chimera
Soft yellow sunlight from time to time embraced
faces and objects, carefully painted spots
on a waiters dinner jacket. Behind the waiter,
who was sitting at the bottom of the staircase,
acanthus leaves spread out indistinctly – the
house was an old patrician building. Its streaked
lattice work no longer hid any riches, and
the once so imposing façade became one with
the walls of the neighboring jumble of houses
to form one vast mishmash. Hole upon hole –
window panes were often missing too.
(Siegfried Kracauer, Ginster: Von ihm selbst geschrieben,
(1928), zitiert in Henrik Reeh, Ornament of the
Metropolis, 2003) Die Identität des Projekts geht aus den ornamentalen
Programmen der Gebäude hervor,
und beruht auf deren auf ornamentale Beschreibungen
reduzierte Architektur. Die Ornamente
zeigen sich hier als losgelöste Überreste,
die zu Indizien und Verweisen werden, und
den Quellcode des Programms darstellen.
Ornamentale Blattformen als die kleinsten, am
wenigsten mit Bedeutung befrachteten, als
die „leichtesten“ syntaktischen Einheiten der
ornamentalen Programme werden in den
Vordergrund gerückt. Drei zu unterschiedlichen
Pflanzen gehörige Blattformen wurden ausgewählt
– Lorbeer (Kuppel der Secession), Efeu
(Deckengemälde und Aussenfassade der
Akademie), und Akanthus (Fassade der Karlskirche).
Efeu, Lorbeer und Distel gehören zu verschiedenen
Pflanzengattungen und können (wie
bereits oben erwähnt) miteinander nicht zu
einer hybriden Form vermischt werden. Daher
wird hier aus ihrer jahrhundertealten ornamentalen,
symbolischen Verflechtung eine artifizielle,
virtuelle Chimäre hergestellt, die keinen „Mix“,
keine „Verschmelzung“ (ein Hybrid), sondern
eine neue Pflanzenidentität darstellt, die aus
drei genetisch voneinander verschiedenen
Elternpflanzen hervorgeht. Im Gegensatz zu
einem Hybrid ist eine Chimäre ein „gesplittetes
Signal“, das aus unterschiedlichen „Erzählsträngen“
besteht, die hier miteinander verwoben
werden: daraus entsteht eine „gespaltene“
Identität, eine multiple Pflanzenpersönlichkeit.
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| Lorbeer (Secessionskuppel); Lorbeerknospen; Lorbeerblüte (mit Branding); Efeudolde; Akanthusblatt (Karlskirche); Akanthusblüte; Efeu (Akademie); Akanthusblüte 1 (mit Branding); Akanthusblüte 2 (mit Branding) |
2.3 TREATMENT / Underground
Ornament und Verbrechen
Ich habe folgende erkenntnis gefunden und der
welt geschenkt: evolution der kultur ist gleichbedeutend
mit der entfernung des ornamentes
aus dem gebrauchsgegenstande. (Adolf Loos, Ornament und Verbrechen, 1908)
Nachdem Adolf Loos seinen Text „Ornament
und Verbrechen“ im Jahr 1908 publizierte,
wurde das Ornament zunehmend aus der
Architektur „verdrängt“. Nicht alle begegneten
diesem Text kritiklos. Einige Zeitgenossen vertraten
kritische Standpunkte – darunter auch
Siegfried Kracauer, der anmerkte, dass eine
einfache „Verdrängung“ des Ornaments (im
Gegensatz zur „Durcharbeitung“ im psychoanalytischen
Sinn) dazu führen würde, dass
das Ornament zu einem späteren Zeitpunkt als
a-historische, formalistische Dekoration wiederkehren
würde. Kracauers Kommentar kann
als vorausschauend bezeichnet werden, denn
genau das geschah beispielsweise in der postmodernen
Architektur der Achtzigerjahre, wo
sich eine Rückkehr ornamentaler Konfigurationen
als leere Zitate einer verdrängten Vergangenheit,
als architektonische Formalismen,
beobachten liess.
Freigesetzte Ornamente
In all their complexity, the unintentional, often
overlooked urban images correspond to the
ornamental form of dream-reason. For they
come into being (…) without having been planned
in advance. They are not compositions but
creatures of chance that cannot be accounted
for. Where masses of stone and street converge,
since their elements result from completely
different interests – an urban image arises
that has never been the subject of any interest.
It has been shaped as little as nature has and
resembles a landscape in that it asserts itself
unconsciously. Unconcerned about its own
appearance, it slumbers through time.
(Henrik Reeh, Ornament of the Metropolis, 2004)
Die (Hypo-)These, auf die sich dieses Konzept
gründet, geht von der Annahme aus, dass die
„klinische“ Moderne ornamentale Formen verdrängte
und unterdrückte. Dies führte dazu,
dass Ornamente die Gebäude „verliessen“
und sich in den städtischen Untergrund zurückzogen,
um sich dort zu einer neuen Pflanze zu
entwickeln. Das Projekt entwirft diesen Rückzug
der ornamentalen Pflanzen von den Gebäuden
in den Untergrund als eine Bewegung,
die zu einer klandestinen Vermischung der
ornamentalen Pflanzengattungen führte, die
auf diese Weise im Verborgenen, in den unterirdischen
Zonen zwischen den Gebäuden,
überlebten und weiter wuchsen. Diese neue
Mischform stellt eine synthetische, ornamentale,
unterirdische Pflanze dar – eine hybride
Identität, die aus den Sprachen der Medien,
der Kunst und der Architektur hervorgeht.
Das Projekt verwendet die Vitrinen in der alten
und neuen Passage, um diese unterirdische,
synthetische Pflanze im Zuge eines urbanen,
archäologischen Ausgrabungsprozesses wieder
zum Vorschein zu bringen – als sei diese
Pflanze während der Grabungsarbeiten (für die
neue Passage) erstmals wieder ans Tageslicht
gekommen, um nun im Rahmen dieses Projekts
dem Blick der Passanten in der Passage
zugänglich gemacht zu werden.
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| Wireframe der Passage; Teil der Aststruktur der Secessionskuppel |
Untergrund / Passage / Pflanze
Ornament represents an extraction which
implies an exteriorizing anonymization of the
nature on which it is based. (Henrik Reeh, Ornament and the Metropolis, 2004)
„Untergrund“, wie in „Untergrund-Passage“,
wird hier als das „Unterbewusste“ der Stadt
aufgefasst – im Gegensatz zum „Unbewussten“
urbaner unterirdischer Schichtungen, die in
noch grösseren Tiefen liegen (die U-Bahntunnel;
das Kanalsystem). Aus diesen zwischengeschichteten,
unterbewussten Regionen
der Stadt geht die Chimären-Pflanze hervor.
Begibt man sich in den Untergrund, sind
„Stadt“ und „Stadtraum“ für die Wahrnehmung
des Passanten temporär suspendiert, gehen
„verloren“. In solchen Passagen wird die
Abwesenheit von Sinneswahrnehmungen, die
oberirdischen urbanen Strukturen angehören,
spürbar. Daher versucht das Projekt, Indikatoren
des „Urbanen“, die Stadt als „Prinzip“,
dort wieder einzuführen. Gebäude beispielsweise
existieren in solchen Passagen nicht,
sie werden durch Orientierungsschilder bloss
referenziert. Die Chimäre verbindet die drei
Gebäude in einer Sprache, die von Flows,
von rhizomatischen Wachstumsstrukturen, von
Medien, von privaten und öffentlichen Räumen
erzählt, und verweist als neue Form der
Referenzierung auf diese Gebäude und deren
Ornamente als ihre „genetischen Vorfahren“.
Die Passage besteht aus drei unterschiedlich
gerichteten Vektoren, die gemeinsam eine einfache
Zweigstruktur ergeben, und die so „Natur
in Architektur“ und vice versa anzeigen. Die
neue, virtuelle Chimäre wächst aus diesem
Zweig und gleichzeitig auch aus der Paarung
Natur/Architektur hervor, und verleiht so der
Passage eine neue, zeitgenössische Identität,
die sich auf einer Archäologie des urbanen
Ornaments begründet. Die Chimäre basiert auf
abstrahierten Prinzipien von Ornamenten, die
selbst auf abstrahierten pflanzlichen Formen
beruhen. Sie wird so zu einer (kompulsiven)
Vermittlerin zwischen Passanten, Passage und
dem umgebenden Stadtraum, zwischen Wirklichkeit
und subjektiver Wahrnehmung, und
stellt eine synthetische Collage aus verschiedenen
Sprach-Elementen dar. Passanten im
Transit werden zu beweglichen Raumvektoren,
die von dieser synthetischen Untergrund-
Pflanze zurückreflektiert werden: als instabile
Identitäten, die sich in kontinuierlicher Veränderung
befinden.
2.4 THISTLE LINE / LAUREL LINE / IVY LINE
Um eine Kontinuität und eine räumliche Syntax,
herzustellen, die die Architektur der Passage
und der Vitrinen als Parenthese zusammenfasst,
wurde eine visuelle Kodierung der Ornamente
und Pflanzen als ornamentale, sehr reduzierte
Linie entworfen. So werden räumliche Bezugspunkte
(der horizontale Balken, die ovale Glasvitrine)
kodiert. Jede dieser Linien stellt eine
ornamentale Abstraktion der Beziehung von
Pflanze und Ornament dar, und nimmt ausserdem
Bezug zum Begriff der Linie (als U-Bahn-
Linie): Thistle Line, Laurel Line und Ivy Line.
Diese Linie ist Artikulation und Abstraktion
der Ausgangsornamente und der jeweiligen
Pflanzen – auf „IDs“ reduzierte Icons. Gleichzeitig
weisen diese drei Linien Maßmarkierungen
auf (wie ein Lineal), die mit Wachstumseigenschaften
der jeweiligen Pflanzen in Beziehung
stehen. So wird also Bewegung (der Passanten)
mit Wachstum (der virtuellen Pflanzen und
Ornamente) visuell markiert und verbunden.
Diese drei Linien, die an Notationslinien
erinnern, nehmen ihren Ausgangspunkt am
horizontalen Balken und werden als sandgestrahltes
Muster auf der Glasvitrine noch einmal
sichtbar. Sie zeigen die Pflanze als synthetische
Konstruktion zwischen „Maßstab“ und „Ornament“,
als Fluss unterschiedlicher Sprachen,
die sich nur an bestimmten Punkten miteinander
verbinden.
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| Efeu, Lorbeer, Akanthus |
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| Ornament |
3.1 REALISIERUNG / Version 1: 12 Vitrinen
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 | Serie von vier Vitrinen mit einem Bildmotiv |
Die erste Alternative wurde entlang der Richtlinien der
Ausschreibung entwickelt, die ca. fünfzehn
Wandvitrinen zur Gestaltung vorschlägt. Die
zweite Alternative entwirft eine andere Form
räumlich/architektonischer Umsetzung, die sich
mit dem Bereich der Bohrpfahlwände im bestehenden
und im neuen Teil der Passage auseinandersetzt.
Darüber hinaus besteht laut Text die
Möglichkeit, den vertikalen Balken im Eingangsbereich
Resselpark sowie die ovale Glasvitrine,
die zwei freistehende tragende Säulen am
Übergang von alter zu neuer Passage umgibt,
zu gestalten. Diese Elemente, sowie auch ein
farblicher Gestaltungsvorschlag für die Bohrpfahlwände
werden in beiden Alternativen
berücksichtigt.
Die bestehende Westpassage wird um einen
neuen Seitenarm erweitert: ein Zuwachs, der
einen Wachstumsprozess signalisiert, ein
„branching off“ als Wiederholung und Variation
einer bestehenden Form. Dieses Prinzip von
Wiederholung als Grundlage von Mustererzeugung
liegt jeder Form von Ornamentik zu
Grunde. Ein weiteres ornamentales Prinzip
zeigt sich in den regelmässigen Intervallen der
Anordnung der Vitrinen.
Die Abfolge der Wandvitrinen stellt eine Beziehung
zwischen den drei Armen der Passage
her, die darüber hinaus von der oben erwähnten
ovalen Glasvitrine als „Scharnier“ miteinander
verbunden werden. Der formale Charakter
der Wandvitrinen als repetitives Element erinnert
an „Einblicke“, an Dioramen, hier im Untergrund
angeordnet. Die neue Pflanze, die – hypothetisch
– im Zwischenraum von Wandverkleidung
und Wand, oder dahinter, in der Wand selbst,
wächst, wird von diesen Vitrinen umrahmt und
sichtbar gemacht.
In der vorgeschlagenen Version wird die Anzahl der Vitrinen auf insgesamt zwölf Stück reduziert.
Jeweils vier Vitrinen werden auf jeweils
einen Passagenabschnitt aufgeteilt.
Aufgrund des Verlaufs der Passage, der an
zwei Abschnitten prominenten Bohrpfahlwände,
wegen der zahlreichen Ausgänge und Türöffnungen
an verschiedenen Stellen, und auch
aufgrund der Verschiedenartigkeit der Materialien,
die an Wand, Boden und Decke zum Einsatz
kommen, empfiehlt sich, das Gewicht auf
ein möglichst homogenes Bild, eine Reduktion
der Materialien und eine für die Passanten klar
nachvollziehbare Strukturierung und Rhythmisierung
des Raumes zu legen.
 |
| Aststruktur der Secessionskuppel (übereinander geschichtet) |
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3.2 REALISIERUNG / Wachstum und Mixing Board
Aufbau der Vitrinen und Erzeugung der Chimäre
Jede Serie von 4 Vitrinen zeigt unterschiedliche
Mix-Versionen der Chimären-Pflanze, die jeweils
einen der drei Pflanzen-Charaktere Efeu, Lorbeer
oder Akanthus in den Vordergrund rückt –
es gibt daher eine Lorbeer-, eine Akanthusund
eine Efeu-Vitrinenserie; die Anordnung entspricht
dem Bezug zur jeweiligen Architektur:
die Lorbeervitrinenserie wird in der neuen
Passage angebracht; die Akanthusvitrinen
in der bestehenden Westpassage Richtung
Karlskirche, und die Efeuvitrinen beim Ausgang
Akademiehof. Als „Wachstumsgerüst“ für die
virtuelle Pflanze wird die abgewickelte Zweigstruktur
der Kuppel der Secession verwendet,
indem die einzelnen Äste, aus denen die
Kuppel besteht, isoliert und digital nachgebaut
wurden, um in einer neuen Abfolge nun das
Hintergrundgerüst für das Pflanzenwachstum
zu bilden.
Eine Gesamtansicht
umfasst jeweils vier Vitrinen; diese
Gesamtansicht wird auf diese vier Vitrinen in
Abfolge aufgeteilt. Somit wird ein visueller und
räumlicher Zusammenhang zwischen den voneinander
im Durchschnitt 10–11 m entfernten
Vitrinen hergestellt. Die Gesamtansicht ist in
vier Abschnitte unterteilt; diese Abschnitte entsprechen
jeweils einer Vitrinenbreite (1, 50 m).
Jede Gesamtansicht (jede Vitrinenserie) steht
also unter einem „Thema“, rückt einen Pflanzencharakter
in den Vordergrund und ist als
Mischpult, als „mixing board“, nochmals codiert
und aufgelöst. Diese Auflösung folgt permutativen
Mix-Regeln: drei Pflanzen (Efeu, Lorbeer,
Akanthus: A/B/C); drei „Formen“ der Pflanzen
(Ornament, Pflanze, Mix: 1/2/3), und drei Zustände
(x/y/z: Blatt, Blüte, Knospe). Das Mischpult,
das in neun Felder aufgeteilt ist, ergibt sich
aus diesen permutativen Regeln, die als Grundlage
für die Entwicklung der Pflanze dienen (wie
auch die Zweigstruktur der Secessionskuppel).
3.3 REALISIERUNG / Version 2: 3 Gläser
 |  |
Aus der räumlichen Situation der Passagen ergibt
sich eine weitere Möglichkeit der Gestaltung,
die den architektonischen Schwerpunkt
verlagert. Das grundlegende, die Ornamente
und Pflanzen betreffende Konzept, die Funktion
des Balkens im Eingangsbereich, die ovale
Vitrine verändernsich nicht; auch nicht die Vitrinenansichten
als Gesamtansichten. Diese Version fokussiert im Gegensatz zur
anderen nicht auf eine „Verteilung“ der Vitrinen
in regelmässigen Abständen an allen Wänden
der Passage, sondern verkehrt die räumliche Matrix
in ihr Gegenteil. So stellt sie eine inverse Situation
vor. Angenommen wird, dass die Achsen
der drei Gebäude am Schnittpunkt von alter
und neuer Passage zusammenlaufen (siehe Grundriss); dort, wo die Bohrpfahlwandabschnitte
beider Passagen aufeinander treffen.
In dieser Version fallen die einzelnen Vitrinen
weg, und die Bohrpfahlwand wird (über die
Ecke) als Gesamtfläche in eine grossflächige
Vitrine verwandelt, die aus insgesamt drei
grossen Gläsern im Format 600 x 250 cm
besteht. Zwei dieser Gläser sind im bestehenden
Bereich, ein weiteres im neuen Passagenabschnitt
angebracht.
Dieser
Vorschlag rückt die Bohrpfahlwände als zu
gestaltende Zone in den Mittelpunkt.
Es fällt auf, dass die Bohrpfahlwand bei näherer
Betrachtung ebenfalls „Natur“ evoziert. Die
massiven Säulen können als „Waldrand“ gedeutet
werden, als abstrahierte Version von
Baumstämmen, an denen entlang sich die
neue, virtuelle Pflanze ranken könnte. Selbst
die Oberflächenstruktur dieser Pfeiler legt eine
solche Interpretation nahe: durch die bei den
Bauarbeiten entstanden Rillen, Vertiefungen,
Markierungen und Unregelmässigkeiten
erscheinen die Oberflächen wie Rindenstrukturen.
Auf die Gesamtlänge der Bohrpfahlwände
über die Ecke werden nun die drei
Gesamtansichten aufgeteilt. Die Bohrpfahlwand
im Hintergrund wird in einem hellgrauen Farbton
gestrichen .
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| Konstruktionszeichnung |
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Die Abbildungen der virtuellen Pflanze entsprechen
denen, die auch in der Vitrinenversion
vorgeschlagen wurden. Die auf transparente
Folien belichteten Motive werden mittels eines
speziellen Verfahrens in das Glas
eingeschweisst. Hinter den Gläsern wird
eine Metallkonstruktion eingezogen, die dem
Wachstumsgerüst (der Zweigstruktur der
Secessionskuppel) folgt und im gleichen Farbton
wie die Bohrpfahlwände gehalten ist, damit
sie unsichtbar bleibt. Diese Metallkonstruktion
dient als Lichtschiene, um die Motive auf den
Gläsern zu hinterleuchten. Vorgesehen ist es,
einerseits durch gerade Lichtführungen im
oberen und unteren Bereich eine gleichmäßig
flächige Lichtwirkung zu erzielen, weiters werden
an bestimmten Stellen runde Neonleuchten
verwendet, um bestimmte Regionen (Blüten
zum Beispiel) gezielter betonen / beleuchten,
und um im Allgemeinen eine präzisere Lichtregie
ausführen zu können.
Diese Variante verkehrt die Situation in ihr Gegenteil: statt zu expandieren und die Passagen
mit Vitrinen zu überziehen, verdichtet sie den
Raum zu einem zentralen Punkt (ovale Vitrine),
und zu zwei zentralen Achsen (den Bohrpfahlwänden),
die genau am Schnittpunkt der drei
Gebäude zusammenlaufen, von wo aus die
Bewegung der Passanten in Richtung der einzelnen
Ausgänge, und somit zu den referenzierten
Gebäuden verläuft. Während die erste
Variante mit den einzelnen Vitrinen den Aspekt
der Bewegung durch die Passagen, und die
Codierung der einzelnen Passagenabschnitte
als Erzählstränge in den Vordergrund rückt,
verdichtet diese Variante das visuelle und räumliche
Konzept auf einen Knotenpunkt, von dem
aus der Raum beschrieben und gedacht wird.
3.4 REALISIERUNG / Querbalken und ovale Vitrine
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 | Balken im Eingangsbereich / "subway lines" |
Der horizontale Balken im Eingangsbereich
Resselpark, und die beiden tragenden
Säulen an der Schnittstelle von alter und neuer
Passage, die von einer Glasvitrine umgeben
sind, bilden zwei weitere markante architektonische
Elemente, die innerhalb der Passage
wichtige Koordinatenpunkte darstellen. Als
horizontale und vertikale Figuren (Dynamiken)
bilden diese beiden Elemente – neben der astartigen
Struktur der Passage, und der repetitiven
Anordnung der Vitrinen – eine weitere ornamentale
Grundkonstellation: die vertikale Linie
als Vermittlerin zwischen Himmel und Erde (hier
zwischen Oberwelt und Untergrund), und die
horizontale Linie, von der sie gekreuzt wird.
Der horizontale Querbalken wird zum Indikator,
der die Identität der neuen Chimären-Pflanze
ankündigt, die hier, zu Beginn der Passage,
noch in ihre pflanzlichen Bestandteilen (Lorbeer,
Efeu, Akanthus; Blätter, Blüten, Dolden und
ornamentale Elemente etc. ) unterteilt ist, um
sich dann in die „Split Identity“ der neuen
Chimäre zu verwandeln. Der Balken wird
ebenfalls als Leuchtvitrine gestaltet.
Ovale Vitrine 1
Für die ovale Vitrine am Scharnier von alter
und neuer Passage gibt es zwei mögliche
Gestaltungsalternativen. In beiden Versionen wird diese kleine,
kompakte, ovale Vitrine zu einem zentralen
Orientierungspunkt, zu einem realen oder virtuellen
Glashaus, und zu einem skulpturalen
Raum, der den flächigen Darstellungen der
Vitrinen ein Gegengewicht bietet und die
Themen von (Pflanzen-)Wachstum, Natur
vs. Artifizialität und Genetik entweder „in vivo“
oder „in vitro“ miteinander kurzschliesst.
1. Einerseits besteht die Möglichkeit, diese
ovale Vitrine in ein wirkliches Glashaus zu
verwandeln, in dem die drei Pflanzen Efeu,
Akanthus und Lorbeer wachsen. Die drei
Pflanzen, die am horizontalen Querbalken als
„Icons“ oder IDs erscheinen, und die in den
Vitrinenserien als artifizielle, genetisch veränderte
Variante die Passage durchziehen, erscheinen
hier im Glashaus in ihrer ursprünglichen
pflanzlichen Form.
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| Glashaus I |
Ovale Vitrine 2
2. Andererseits kann diese Vitrine, wie auch
die Wandvitrinen, beleuchtet werden und als
grosser, ovaler Leuchtkasten, der Einblicke und
Durchblicke gewährt, opake und transparente
Stellen aufweist und in seiner Gestaltung eine
Art Kondensation des Passagenkonzepts als
Generator darstellt, figurieren.
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| Entwurf |
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Generator
Für den Fall, dass die Umsetzung eines Glashauses
mit lebenden Pflanzen (oder seine
Erhaltung), an dieser Stelle zu aufwendig ist,
kann die Vitrine auch auf einfache Weise skulptural
und farblich codiert werden, und sich so in
ein „virtuelles“ Glashaus verwandeln. In diesem
Fall werden die tragenden Säulen miteinander
zu einer ovalen Fläche verbunden, die im
Inneren der Vitrine als eine Verdoppelung der
äusseren Glaswand erscheint.
Auf diese Fläche wird ein Plot aufgebracht
(sozusagen als Entsprechung der Funktion der
wirklichen Pflanzen in der Glashausvariante),
der die ornamentalen und pflanzlichen Ausgangselemente
der visuellen Gestaltung als
Close-Up zeigt, so, als wäre diese Vitrine eine
Art von „Vergrösserungsglas“. Hier werden die
Abdrücke und „Herkunftsbestimmungen“, die
manchen Blättern, Blüten und Stängeln der
Pflanzen wie (genetische) Codes eingeprägt
sind, deutlich sichtbar gemacht. Diese Abbildung
zeigt den Übergang von der Pflanze zu
Architektur und Ornament; gleichzeitig ist sie
ein auf unterschiedliche Brennweiten eingestelltes
Zoom-Objektiv, das manchmal die
Pflanzen, manchmal ornamentale Details in den
Vordergrund rückt.
Hier werden die Story-Line, das Script der
Passage als kondensierte, kontinuierliche
Variante ohne Anfang und Ende als Feedback-
Loop gezeigt. Dieser Loop nimmt so auch die
elliptische Figur der Vitrine mit auf. Gleichzeitig
wird die Vitrine hier zum Display, das die einzelnen
Teile, Fragmente und Varianten der visuellen
und räumlichen Erzählung von Trans/Planting (in Passages) zur Schau stellt. Die
Vitrine wird zu einem Generator und Kollektor
gleichzeitig.
Auch hier finden sich die weiter oben beschriebenen
Linien (Thistle / Laurel / Ivy Line) als
Inskription im Vitrinenglas wieder, um den
Bezug zwischen Pflanze und Ornament zu
verdeutlichen.
Diese dynamische, kleine Vitrine verbindet –
in jeder Version, als Glashaus oder als „Vergrösserungsglas“
– die drei Routen der Ornamente
und Pflanzen in den Passagen miteinander,
um sie dann wieder im Raum zu verteilen.
Die drei ornamentalen und pflanzlichen Formen,
die innerhalb der Vitrine sichtbar werden, entwickeln
sich zu einer Chimäre zwischen Natur
und Architektur, zwischen architektonischen
und medialen Erzählungen.
Digitale Modelle / Realisierung / Rendering: Franz Schubert
Dank an: Fareed Armaly, Dorothea Brunialti, Michael Dreyer, Rochus Kahr, Otto Kapfinger, Prof. Pohlheim/Humboldt-Universität Berlin, Franz Schubert