Coming Attraction / X Characters (In Search of an Author)
Coming Attraction / X Characters (In Search of an Author) 2002/3
Webbasierte Installation / Navigationssystem / Displayarchitektur / Serie von vier Postern / Plot

Coming Attraction / X Characters (In Search of an Author)

Posterserie: Memory (1), Script(2), Ride(3), Character(4), Coming Attraction: X Characters (In Search of an Author) (2002)

I. Identitäten: Coming Attractions

Der thematische Rahmen des Projekts beschäftigt sich mit der Frage, welche zeitgenössische und zukünftige Sprache der kinematografische Apparat zu Beginn des 21. Jahrhunderts offeriert, und innerhalb welcher Art von Operating System diese imaginiert und projiziert wird. Das erste, ursprüngliche Bild, das im Betriebssystem der frühen Kinomoderne erscheint, verknüpft die Kamera mit dem Auge, interpretiert Bewegung als Lebensform, und entwickelt die neue Technik des Filmschnitts zu einer Sprache, durch welche die Maschinerie hinter der scheinbar nahtlosen visuellen Erzählung verdeckt werden soll. Dieser "Körper" des frühen Kinos operiert als Dynamo, der auf Technologien des 19. Jahrhunderts basiert – auf einer Mechanik der Regulatoren und Getriebe, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Ideologie der Moderne begründet.

Diese Mechanik entstand zeitgleich mit der Psychoanalyse,die nach Wegen suchte, die menschliche (weibliche) Psyche zu regulieren. Die daraus hervorgehenden psychoanalytischen Modelle – wie auch die psychischen Zustände, die mit Hilfe dieser Modelle analysiert wurden – entfalteten sich in einem konzeptuellen Raum, der zwischen den Kräften von Anziehung und Abstossung entstand. Diese Modelle glichen Wunschmaschinen, die gleichzeitig auf einer "abstossenden" (traumatischen) Vergangenheit, und auf einer namenlosen, mysteriösen Zukunft beruhten, die unbekannte Formen des Begehrens und Aussicht auf libidinöse Erfüllung versprach. Aus diesem Grund verharrte das psychoanalytische Subjekt zwischen einer Nostalgie für eine Vergangenheit, die es so nicht gegeben hatte, und in Erwartung einer Zukunft, die nie stattfinden würde. VonBeginn an reflektierte die Identität des Kinos der Moderne diese obsessiven Äkonomien des Begehrens, die sich häufig der Terminologien des mechanischen Zeitalters bedienten.

Installationsansicht Coming Attraction: X Characters (In Search of an Author), Future Cinema ZKM Karlsruhe (2002)

Das Projekt Coming Attraction versucht, zeitgenössische Interpretation und Fortschreibung einer Theorie und Praxis des modernistischen Kino-Apparats zu entwerfen. Es entwickelt eine besondere filmische Form, die sich in der komplexen Identität eines Kinos ausdrückt, das sich von der "Apparatur" zur "Operation" verschiebt. So verwandelt "Kino" sich in ein "Operating System", das auf zeitgenössischen Programmen, Codes und auf neuen Formen des Scriptings basiert. Es beschäftigt sich mit dem kinematografischen Spektakel der Vergangenheit und jenen Erzählungen, die entweder von einer subjektiven Autoren-Perspektive oder vom institutionellen Hollywoodkino geprägt waren. Eine mögliche Zukunft dieser Formen des Kinos entwickeln sich aus den unauslöschlichen Spuren und Eindrücken des filmischen Apparates, die sich dem Gedächtnis und der Erinnerung der Zuschauer (1) als Zeichen und Marker eingeprägt haben. Diese zeichenhaften Konturen verwandeln sich in Vorlagen, die ein Eigenleben entwickeln, um neue und zukünftige Stimmen zu suggerieren, die aus Formen radikalisierter Scripts entstehen. So werden andere Narrationen über Subjekte und Identifikationsmechanismen in Bewegung gesetzt.

Installationsansichten Coming Attraction: X Characters (In Search of an Author), Future Cinema ZKM Karlsruhe (2002)

Dieses Projekt versucht, ein neues Terrain, neue Grundlagen für zukünftige "Coming Attractions" zu schaffen, indem es sich mit einer Reihe fragmentarischer Momente aus "Scripts" (2) unterschiedlichster Herkunft beschäftigt, die dem Kino, dem Internet und anderen Inszenierungsapparaturen angehören. Innerhalb der spezifischen Bedingungen dieses Projekts verbindet sich der mechanische Apparat mit jenem des Texts, genauer gesagt: mit unterschiedlichen Scriptformen.

 
Installationsansichten Coming Attraction: X Characters (In Search of an Author), Future Cinema ZKM Karlsruhe (2002)

Diese Verbindung verweist auf eine Verschiebung weg vom Script, auf dem ein Film basiert, und das als homogene erzählerische Einheit aufgefasst wird, hin zu einer Form von Interpretation als Textpraxis, die sich als Teil eines Feldes zahlreicher anderer Texte, Schriften, Scripts und Sub-Scripts darstellt, und die ausserhalb der spezifischen Bedingungen eines einzigen Drehbuchs angeordnet sind. Mittels einer Strategie des Wieder-Lesens, Wieder-Schreibens und Wiederaufnehmens beschäftigt sich Coming Attraction mit einem Prozess der Bedeutungsproduktion innerhalb der Identität des kinematografischen Apparats, der mit zeitgenössischen Medien eine Verbindung eingeht.

II. Coming Attraction: Räumliche Konfiguration

Installationsgrundriss Coming Attraction: X Characters (In Search of an Author) (2002)

Das Wesen der neuen räumlichen Verhältnisse und Anordnungen in Coming Attraction entwickelt sich aus dem alten Modell der "Identität" des Kinos: Aus dem Projektionsapparat. Der architektonische Raum definiert einen in der Kinomechanik verankerten Wahrnehmungskosmos, in dem verschiedene Scripts zusammenlaufen, und dessen Grundriss jenen Komponenten des Kinos entliehen wird, die im Allgemeinen ausserhalb der Black Box des Vorführungsraumes verborgen liegen. Die Spulen des Projektors, die Synchronisation von Licht, Blenden und Führungen werden durch räumliche Analyse in Modelle von Kommunikationsmustern verwandelt. Diese Spulen verkörpern mögliche Formen der Vergangenheit wie auch der Zukunft, und eröffnen als mechanische Vorlagen, Räume für "Coming Attractions", in denen Worte, Texte, Dialoge, Handlungen kanalisiert und prozessiert werden. Coming Attraction ist auch ein Entwurf für einen zeitgenössischen Projektionsraum, der die Apparatur nicht verbirgt, sondern eine Kombination aus Kino und Netz in Form eines movie rides (3) herstellt, der den Begriff des Autorenkinos jenem des Hollywoodfilms gegenüberstellt.

Website Doppel-Screen (links: content; rechts: Navigationssystem): CHARACTER

Die Maschinerie des Projektors wird zur Grundlage eines Prozesses, innerhalb dessen ein mechanisches Modell in eine Informationsarchitektur und in ein Zeichensystem verwandelt wird. Die Zone, die durch die Überschneidung der Filmspulen entsteht, verbindet den Raum der autonomen, in sich abgeschlossenen Produktion mit einem offen bleibenden Text. Aus jener Zone, die sowohl das Auge des Apparates wie auch des Betrachters umreisst, geht die Vorstellung subjektiver Wahrnehmung hervor. Diese räumliche Konfiguration bezieht sich auf das frühe "kinematografische Auge" (das Vertovsche Kino-Auge) als Identität und Kommunikationsmodell, das sich in der subjektiven Perspektive der Kamera verkörpert, und das Fragen von "Vision" und "Perspektive" als zentral für Identitätssproduktion auffasst. Dieses "Kino-Auge" liess sich mit dem demografischen Auge eines Marktes kurzschliessen, der auch das Kino als "Marke" verstand. So wurde das kinematografische Spektakel der Vergangenheit von den Marktstrategien und der Identitätsproduktion Hollywoods abgelöst. Jedes Studio zeigte hinsichtlich des Produktionsdesigns und der Auswahl bestimmter Themen, Stile und Schauspieler eine spezifische Markt- und Markenidentität" eine Äkonomie, die in ihrer Beschaffenheit bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Strukturen des Internets gewissermassen vorwegnahm.

Der architektonische Raum von Coming Attraction macht diese Strukturen, Links und Überschneidungen als etwas sichtbar, das grundlegend für ein Verständnis zeitgenösischer Formen des Kinos erscheint: als Verkörperung der Äkonomien und Techniken der Moderne. In diesem Raum gehen Modelle der Kybernetik und der Projektionsapparaturen des 19. Jahrhunderts mit heutigen Kommunikationsnetzwerken eine Verbindung ein, und werden durch Scripting- und Mapping-Techniken des 21. Jahrhunderts synthetisiert: Als räumliche Analyse der Verhältnisse und der vielfältigen Formen des Begehrens, die innerhalb und durch die Massenmedien operieren. Coming Attraction beschäftigt sich daher auch mit Formen der Übersetzung zwischen Kinomoderne, Video, Computer und Internet. Der architektonische Raum erzeugt und überbrückt gleichzeitig den Raum zwischen den Spulen eines Projektors: ein Raum, der in der Bewegung des Filmstreifens und seinen Windungen und Drehungen durch die mechanischen Führungen entsteht. Gleichzeitig werden zeitgenössische (Ver)-Formungen visueller und textueller Informationen und Codes untersucht, die durch die fiberoptischen Kabel der grossen Netzwerke passieren. Der Raum von Coming Attraction ist ein "film-loses" Set, das die Vergangenheit in Bezug zur Gegenwart setzt. Die Projektormechanik und die Projektion selbst werden als System von Körper und Psyche aufgefasst, als eine Übersetzungsmaschine zwischen analogen und digitalen Welten suspendiert, eine fragile Konstruktion von Spannungen und Belastungen, durch welche die Vergangenheit mit möglichen zukünftigen Szenarios verbunden wird.

III. X Characters in Search of an Author - Produktionsmodell

"Coming Attraction" stellt die Umgebung für die Produktion von X Characters in Search of an Author dar, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken wird. Als eine Form künstlerischer Praxis zeigt "Coming Attraction" das Kino als ein System, das auf Grundlage seiner Subjekte operiert – nicht nur als Projektionsfläche, die "Leben" vergrössert. Das Kino wird hier als synthetische Maschine verstanden, die Codes formuliert, um sie wieder zu brechen. Kino besitzt die Fähigkeit, verschiedenste Formen des Scriptings zu entwickeln; und es gründet auf einer Assemblage unterschiedlicher Arbeits- und Produktionsformen, ästhetischer Praxen und Technologien sowie architektonischer, räumlicher und zeitlicher Paradigmen – all dies wird innerhalb einer fragilen Äkonomie der Sprachen von Montage und Performance formuliert. Während die Identifikationsmuster des Kinos die Symptome freilegen, die im Blick- und Bildregime verankert sind, zeigt sich seine Identität aber auch als Konfiguration, die auf einer Geschichte von "Programmier"-sprachen beruht. Diese entstehen aus einer Reihe von Source Codes als Grundlagen für das Produktionsmodell von "Coming Attraction" und X Characters". Dieses Produktionsmodell verbindet die Syntax des Mainstreamkinos mit den Begriffen Script, Character und Movie Ride. Es dissoziiert, rekodiert und rekonstruiert die grundlegenden Elemente, die der Identität eines Films angehören, um so "Kino" innerhalb einer Äkonomie zeitgenössischer medialer Logiken zu re-zirkulieren. Das Hauptgewicht des Projekts liegt auf weiblichen Filmfiguren, die sich in einem Zustand der Transformation befinden – synthetische Agentinnen in Momenten des Übergangs. Es findet eine Verlagerung aus dem Bereich des Visuellen auf Programm(ier)sprachen und Techniken des Scriptings statt: Nicht Mechanik, sondern sich verwandelnde Identitäten; nicht die Festschreibung eines Kanons oder einer Nostalgie für "Neue Medien" und "Kino", sondern eine fortgesetzte Entdeckung von und Begehren nach neuen Scripts, die ursprünglich in diese Technologien eingebettet waren.

Website Doppel-Screen (links: content; rechts: Navigationssystem): SCRIPT, RIDE

Der Navigationsraum von "Coming Attraction" ist ein computerbasiertes, dreidimensionales Storyboarding-Device, das sich parallel zur Realisierung eines performativen Raumes entwickelt, der selbst wieder auf das Navigationsscript zurückwirkt. Die Kontinuität des Scripts wird durch eine Reihe von Bewegungen hergestellt, die sowohl physischer wie auch emotionaler Natur sind, und orientiert sich entlang der Prinzipien, auf denen ein "movie ride" beruht. Diese Prinzipien werden auf Navigationsraum und Navigator übertragen. Eine neue Variante des "movie rides", deren Fluss die Form und Bewegung eines existierenden filmischen Kamerapfades wiederholt, wird im virtuellen Raum als Orientierungslinie sichtbar. Diese Navigationskurve führt durch filmlose Sets und durch Räume, die von Charakteren mehr geprägt werden als von Geschichten.

Diese Räume von X Characters in Search of an Author sind variable und performative Orte zwischen Kino und Neuen Medien. Sie werden von einer "Gang" ikonischer weiblicher Filmcharaktere bewohnt – Reisende in einem Universum veränderlicher Identitäten, die aus verschiedenen Filmscripts vom Autoren ü über modernistisches Kino bis zu postmodernen kinematografischen Formen hervorgehen. Diese Figuren stellen Ikonen und Signifikanten dar, die neue und andere Dialogformen in Gang setzen werden. Die Auslassungen der ursprünglichen Scripts werden in "X Characters" zu Anlässen und Stellen, an denen sich potenziell neue Narrationen eröffnen. Der Plot von X Characters... gehört nicht dem Bereich der Erzählung an, sondern beschäftigt sich mit der Entwicklung der Charaktere. Anstatt eine Geschichte "über" die Erfahrungen einer Figur darzustellen, versucht X Characters..., die Entwicklung dieses Charakters und seiner "psychologischen Gesten" im Rahmen einer kontinuierlichen Produktion zur Erzählung selbst zu machen.

IV. Produktion

Erster Chat mit sieben TeilnehmerInnen, Screenshot des Chatroom-Fensters

X Characters in Search of an Author entlässt eine Anzahl weiblicher Filmcharaktere (4) aus ihrer "natürlichen" Umgebung der ursprünglichen Scripts. Jeder Figur ist innerhalb dieses Projekts ein Charakterprofil zugeordnet, das über verschiedene, aufeinanderfolgende Phasen entwickelt wird – zuerst im Rahmen eines performativen Prozesses, dann als Script, und schliesslich in einem Realisierungsprozess als noch zu entwerfende Form. In der ersten Phase werden die Charaktere durch Darstellerinnen/Agentinnen im Rahmen von performance-orientierten Sessions und Formaten re-konfiguriert.

Die Darstellerinnen – eingeladene Teilnehmerinnen – kommen aus unterschiedlichen Bereichen kultureller Produktion. Ihre Aufgabe ist es, die ursprünglichen Charakterprofile neu zu entwickeln und zu adaptieren, indem sie im Zwischenraum ihrer eigenen Fantasien und dem Begehren der fiktiven Figuren operieren. Jede der Teilnehmerinnen stellt eine Figur dar, die Treffen finden auf virtuellen, medialen "Bühnen" und innerhalb von improvisatorischen Performance-Workshops statt. Ein Hauptgewicht liegt auf Improvisation, Live-Interaktion und auf den unterschiedlichen Charakteristiken verschiedener medialer Umgebungen. Es gibt keinen Autor/keine Autorin, sondern bloss Filmfiguren, von denen jede ihrer eigenen Logik folgt. Innerhalb der Performances in wechselnden Umgebungen (realen und virtuellen) werden eine Reihe möglicher Situation entwickelt und dokumentiert – Material, das zu neuen Dialogen und Scripts umgearbeitet wird. Diese neuen Scripts berichten in einer zweiten Bewegung von den Verwandlungen der Charaktere und der Entwicklung der Story, um schliesslich in einer dritten Phase als theatralische/filmische Form realisiert zu werden.

Sean Young, Jane Fonda, Faye Dunaway, Monica Vitti, Anna Karina, Bibi Andersson

Der Einsatz medialer Plattformen (von digitalen Chatrooms über analoge Radioprogramme bis zur Wirklichkeit der Performance-Workshops) suggeriert, dass hier unterschiedliche Gemeinschaften und Interessen am Werk sind. Das Projekt befasst sich mit Identitäts-Interaktion, und mit Gruppen, die neue Diskussionsformate innerhalb interaktiver und interkommunikativer Umgebungen entwickeln. X Characters… ist ein Projekt zwischen Research und Praxis, das zeigt, dass die Charakter-Ikonen modernistischer Formen des Kinos Scharniere zu einer kritischen feministischen Praxis darstellen können. Das reicht von einer Diskussion über Autorinnen und autor-lose Welten bis zur Untersuchung feministischer Diskurse zum Kino und dessen Repräsentationsformen. Diese Grundlagen orientieren das Projekt als eines, das zwischen dem filmischen Feld, der Sprache und Fragen der Identität angeordnet ist.

Der Prozess von X Characters… operiert mit Charakteren, deren besondere Auffälligkeit in ihrem kommunikativen Unvermögen besteht, das ihnen zuallererst vom ursprünglichen Autor der Geschichte eingeschrieben wurde. Das neue Script, das X Characters… versucht zu entwerfen, konvertiert diese Schablonen in Projektionsflächen, in Passagen für unterschiedliche Formen des Begehrens, in ein Switchboard, das Sets kommunikativer Signale umleitet, umschreibt und transfiguriert.

Endnoten

(1) Der Raum von Coming Attraction stellt eine Umgebung – ein Script – dar, in der Vergangenheit und Zukunft verhandelt werden. Dieses Script bezieht sich einerseits auf das vorangegangene Projekt A Memory of the Players in a Mirror at Midnight (2001), wie auch auf die Produktion X Characters in Search of an Author (2002/3). A Memory… basiert bereits auf den Begriffen von Charakter/Figur, Script und Movie Ride, die für Coming Attraction und X Characters… grundlegend sind. A Memory… stellt daher gemeinsames Terrain, Fokuspunkt, Grundlage, und Source Code dar. Zuerst als "Prequel", als Solobewegung und Erzählung einer einzelnen Stimme angelegt, wird A Memory… nun erweitert, um eine Reihe von Bewegungen und Äusserungen zu registrieren – die "Stimmen" weiblicher Filmcharaktere und deren Reisen durch Räume und Scripts; als kodierte Quelle, die nun zum operativen Prinzip und zur Richtlinie für die folgenden Produktionen wird. A Memory… interpretiert einen Hollywoodfilm (Eyes of Laura Mars, Irvin Kershner, USA 1978) als digitale, räumliche Erzählung auf neue Weise.

Der Film selbst stellt eine charakteristische filmische Trope der späten Siebzigerjahre dar. A Memory… besteht aus einer Reihe digitaler Architekturen und virtueller Rekonstruktionen, die auf den Sets und Räumen der filmischen Vorlage beruhen. Das Verhältnis zwischen den digitalen Architekturen, die auf filmischen Räumen aufbauen, und der Kamerabewegung orientiert sich entlang der Erzählung einer Off-Stimme. Eyes of Laura Marss wird im Rahmen eines Prozesses der "Um-Schreibung" in ein neues Script verwandelt, das zwischen Text und Raum situiert ist. So wird der Film zu einem System, durch – und nicht über – das gesprochen wird. A Memory… zeichnet unterschiedliche Formen des Begehrens auf, die im kondensierten Format eines Trailers, aber auch in der analytischen Logik einer Synopsis sichtbar werden. Das Projekt wird von den Bewegungen der Emotionen und Leidenschaften geprägt, die sich innerhalb der Anatomien narrativer Strukturen entfalten. Diese werden in neue Geschichten übersetzt, die Momente des Zeitgenässischen artikulieren, deren Syntax durch die spezifischen Rahmenbedingungen einer filmischen Form konstruiert wird. Die fiktive Architektur eines Films wird in ein anderes fiktives Format eingefügt (in eine geschriebene Erzälung, in eine Stimme aus dem Off als Voice Over, in ein Script). A Memory… untersucht nicht das Reale, sondern stellt einen Versuch dar, das Imaginäre im Mainstream narrativer Produktionen als antagonistische Konfigurationen und reflexive Reservoirs der Wirklichkeit zu erforschen.

(2) In einer Szene aus dem Film Klute beschreibt eine männliche Figur (ein Polizeipsychologe) einem anderen männlichen Charakter (einem Kleinstadt-Detektiv) die Eigenschaften der weiblichen Hauptdarstellerin, die ein exklusives Callgirl darstellt. Indem die Mechanismen der Scriptproduktion durch eine flüchtige tautologische Geste freigelegt werden, funktioniert die Filmszene hier als mise-en-abime: Eine Figur wird in einer Inversion konventioneller Drehbuch-Regeln hier mit ihrem "Profil" kurzgeschlossen, das normalerweise nur als Anhaltspunkt dienen soll, um von der Schauspielerin "bewohnt" und so in einen lebendigen, dreidimensionalen Charakter verwandelt zu werden. In Klute dient das Profil im Rahmen eines Observierungsprozesses jedoch dazu, die Komplexität eines Individuums zu verflachen und die Figur in ein wieder erkennbares stereotypes Muster zu verwandeln. Von männlichen Autoren hergestellte modernistische Vorlagen für weibliche Filmcharaktere oszillieren zwischen verschiedenen Formen von Modernität – manchmal handelt es sich um minimalste Typen, dann wieder findet man barocke Komposita aus verschiedenen Scripts, die allen denkbaren Erfordernissen genügen sollen.

In Klute sind in der Figur des Call Girls drei verschiedene Formen von Darstellung angelegt, von denen jede einzelne als Sub-Script des Films gelesen werden kann: Bree ist angehende Schauspielerin und Prostituierte, und diese verschiedenen Rollen werden vom Meta-Script ihrer wöchentlich stattfindenden psychoanalytischen Sitzungen mehr schlecht als recht zusammengehalten. Ein Script stellt ein unvorhersehbares Kräftespiel dar, das sich als performatives Operating System immer in Bewegung befindet. Scripts entwickeln Sets und Charaktere, räumliche Identitäten und psychologische Subjekte, die oft in unterbewussten und verdrängten Materialien wurzeln. Der Prozess des Scriptings übersetzt nicht nur zwischen narrativen und visuellen Formen von Repräsentation. Ein solcher Prozess generiert so auch räumliche Erzählungen durch und über Architektur, innerhalb derer Charaktere und Themen als synthetische Konstruktionen sichtbar gemacht werden. In dieser veränderlichen Welt vieler möglicher endings ist es immer das Begehren des Autors/der Autorin, das die universelle Ordnung der Handlung herstellt.

(3) Ein "movie ride" stellt Verdichtung, Verkürzung und Kompression der filmischen Äkonomie als erweiterter special effect und als ein Programm dar, das die intensiven subjektiven Erfahrungen des Kinos in spezielle Consumer-Formate übersetzt. Ein "movie ride" erzeugt besondere Formen visueller und akustischer Architektur, und beruht auf der Grammatik von Formen der Repräsentation, die der Welt des Konsumerismus angehören. Der "ride" wiederholt die skopischen Erfahrungen eines Films in einer neuen Inszenierung, und basiert auf den Prinzipien von kontinuierlicher Bewegung, Toneffekten und einem erhöhten Grad von Artifizialität. Das Wesen eines "rides" vermittelt sich durch das Symbolische, losgelöst von der Sprache und verdichtet zu einer traumartigen visuellen Erfahrung. In dieser Verdichtung wiederholt der "movie ride" den Film als onirische Inszenierung ausserhalb schauspielerischer Darstellungsformen, indem die Sets und Mechanismen des Films nicht nur zu "Figuren", sondern zu Stars werden – die Filmarchitektur und das Drehbuch selbst verwandeln sich in die Attraktionen einer Psyche, die zu keiner Figur, sondern nur zum Apparat des Kinos gehört. Der 'movie ride' inszeniert Sensation und Spektakel, und suggeriert so eine Art inverser Bewegung zurück in die Zukunft einer prä-institutionalisierten Syntax früher Formen des Kinos.

Es handelt sich um eine verschobene, veränderte Geschichte des Films als Reise entlang spektakulärer Szenografien und special effects, die aus zeitgenössischen Philosophien von Navigation und Open Source-Netzwerken hervorgehen. Hier zeigt sich das Kino als Assemblage von Effekten, Narrationen und Scripts – messbar in Graden, die von subjektiver Erfahrung bis zu immersiver Auflösung reichen. Die Äkonomie eines "movie rides" verdichtet die Essenz postmoderner Formen des Begehrens als unerfüllte Erwartung einer Auflösung, die erst der vollständige Film zu bieten vermag. Er entwickelt sich entlang einer zeitlichen wie auch räumlichen Ikonografie medialer Fiktionen. Als eine der letzten Formen zeitgenössischer Sehnsucht erzählt der "ride" von einer seltsam invertierten Passion für die Realität. Er orientiert sich entlang einer Kurve, die das Schreiben vom Reisen ("writing" from "riding"), Illusion von Halluzination trennt: eine Passage, die den kinematografischen mit dem psychischen Apparat verbindet.

(4) Weibliche Filmcharaktere aus unterschiedlichen Perioden der Filmgeschichte werden dem ursprünglichen narrativen Kontext (des Films) "entnommen". Diese Charaktere verkörpern spezifischen Momente der Geschichte des Nachkriegskinos. Es handelt sich um filmische Ikonen, die vom modernistischen europäischen (Autoren)kino der Sechzigerjahre bis zu den postmodernen Achtzigerjahren reichen. Dieses Universum weiblicher Charaktere zeigt sie sowohl als Haupt- wie auch als Nebenfiguren. Von den Autoren der Scripts als "women as symptoms" und gleichzeitig als Hauptrollen angelegt, oszillieren sie zwischen dem Wunsch, die Rolle der Hauptdarstellerin zu erfüllen, und dem Versuch, hinter dem Symptom zu verschwinden. Alle weisen sie ein besonderes Nahverhältnis zum Tod auf: sie werden umgebracht, sind selbstmord-gefährdet, oder werden geopfert; sie sind Reinkarnationen nicht-menschlichen Ursprungs, Ausserirdische oder einfach lebende Tote.

Diese Figuren suggerieren den gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, der sich innerhalb des modernen Paradigmas des filmischen Diskurses im vorigen Jahrhundert vollzog. Ihr Potenzial konnte sich nie ausserhalb der Grenzen des konventionellen modernistischen Kanons verwirklichen. Im Gegenteil entwarfen die Autoren ihre Charaktere als immer fragilere Konstruktionen zwischen körperlichem Begehren und psychotischer Disposition. Als narrative Agentinnen ihrer Autoren immer auch deren Obsessionen unterworfen, verwandeln sich die Figuren in Muster und Energieformen der Moderne: gezeichnet von Neurosen, Angstzuständen und innerer Leere sind sie Bewohnerinnen eines modernistischen Universums, das von emotionaler Zerrissenheit, psychologischen Konflikten und dem Zusammenbruch von Kommunikation geprägt wird. Und dann endet die Geschichte vielleicht. Doch manchen von uns sind diese Figuren in unauslöschlicher Erinnerung geblieben.

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