
Digibeta (2004), 74 min., Farbe, Ton
X Characters / RE(hers)AL
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| Filmposter X Characters / RE(hers)AL (2003/4) |
Charakter / Profile
X Characters: RE[hers]AL löst sieben weibliche Charaktere - Ikonen aus der Geschichte der Kinomoderne - von ihren filmischen Vorlagen, und führt sie als Gruppe von Reisenden zusammen, die in der Boarding Area eines Flughafens festsitzen. Vom Weg abgekommen und von ihren historischen Routinen befreit, beginnen die sieben Charaktere jede auf ihre Weise, in dieser neuen Situation zu agieren: Sie begegnen einander an einer Kreuzung, die sich als Warteschleife tarnt. Dort überschneiden sich verschiedene Routen, und neue Muster entstehen, als diese Schlafwandlerinnen, Androiden, Phantasmen, Prostituierte, Schauspielerinnen, Krankenschwestern und Selbstmörderinnen beginnen, Beziehungen zu entwickeln und neue Verhaltensweisen an den Tag zu legen, um die Leerstellen ihrer Scripts entlang einer spekulativen Orientierung in eine ungewisse Zukunft miteinander kurz zu schliessen.
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| Laura, Alma, Giuliana, Hari, Bree, Nana, Rachael (Originale) |
Die Koordinaten der Kompasse werden neu ausgerichtet, neue Scripts enstehen, um die alten Scripts voneinander zu differenzieren und diese in andere Richtungen zu orientieren. So wird eine Kosmologie veränderlicher Identitäten kartografiert, die von den neuen Stimmen der Charaktere strukturiert wird. Diese Stimmen entstehen und formen sich in Differenz zu den ursprünglichen Rollen, entlang eines zeitgedössischen Begriffs von Scripting, der zwischen Film, Theater und Chatroom operiert, um so eine hybride Medienidentität zu produzieren.
Charaktere als Signifikanten
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| Laura, Alma, Giuliana, Hari, Rachael, Bree, Nana (Kopien) | ||||
X Characters: RE[hers]AL ist eine Projekt in Fortsetzungen, das neue Charaktere für zukünftige Produktionen entwickelt. Es versucht, einen zeitgenössischen Diskurs zu entwerfen, indem Korrespondenzen zwischen feministischer Filmtheorie und -praxis, und zeitgenössischen Konstruktionen weiblicher Repräsentation im Kino untersucht werden. Es bezieht sich auf unterschiedliche Auffassungen von weiblichen Stimmen in der Kinomoderne, und entwickelt aus diesem Blickwinkel einen performativen Schauplatz zwischen Kino, Theater und den Neuen Medien, der auf den jeweiligen Filmcharakteren basiert.
Die Charaktere wurden verschiedenen Filmen entnommen - der Bogen reicht vom Autorenfilm der Sechzigerjahre über modernistisches Kino bis zum Anfang der postmodernen Achtzigerjahre. Die ursprünglichen Figuren zeigen sich in ihren Scripts sowohl als Haupt- wie auch als Nebendarstellerinnen. Zwischen diesen Rollen bewegen sie sich hin und her, um nach dem Willen des Regisseurs den Zustand der Frau als Symptom zu verkörpern, und gleichzeitig den Erwartungen an eine Hauptrolle gerecht zu werden.
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| Stills aus X Characters: RE(hers)AL (2003/4) | |
Alle Figuren suggerieren gesellschaftliche und kulturelle Transformationen, die innerhalb des modernistischen Paradigmas eines kinematografischen Diskurses sichtbar werden, der das Potenzial weiblicher Charaktere in den Konventionen der Moderne belässt. Als narrative Agentinnen ihrer jeweiligen Autoren reflektieren die Figuren deren Hauptfixierungen, die sich nach aussen, in den Filmraum verlagern. Ein fundamentaler Zustand von Angst und Unsicherheit wird hier sichtbar, der sich in einem modernistischen Universum manifestiert, das von inneren Spaltungen, psychologischen Konflikten und dem Zusammenbruch der Kommunikation geprägt ist.
Die sieben Charakter wurden als Signifikanten ausgewählt, um das Entstehen neuer Dialoge und anderer Stimmen in Gang zu setzen, die sich entlang der Kontur der Neuen Medien bewegen. Die Auslassungen der ursprünglichen Filmscripts das, was ungesagt bleibt, wird zum Ausgangspunkt von X Characters: RE[hers]AL, von dem aus neue narrative Routen eingeschlagen werden.
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| Still aus X Characters: RE(hers)AL (2003/4) |
Charakter / Produktion
Ich weiss nicht, ob das ein Frauenfilm ist oder nicht. Ich weiss nicht mehr, was das bedeutet. Ich wollte mich in den Kopf einer Frau hineinversetzen. Ich hatte das Gefühl, dass ich alle Filme, die ich jemals gemacht habe, mit Männern gemacht habe. Ich versetze mich in einen Mann hinein, verwende mich natürlich auch selbst dazu. Diesmal wollte ich wie eine Frau denken. Das ist einer der Gründe, warum soviel umgeschrieben wurde. Es gab viele Dinge, die die Frauen, die ich für diesen Film engagiert hatte, nicht sagen wollten. Sie sagten mir, warum, und ich sagte, 'Gut, was würdest du sagen?', und ich liess sie das sagen. Ich arbeitete mit einem echten Therapeuten: Ich wollte eine Frau, und ich musste verändern, was sie sagte, in bezug darauf, was sie ist. In anderen Worten, das einzige, das ich hätte tun können, wäre gewesen, eine Frau dazu zu bringen, mir beim Schreiben zu helfen. Ich habe darüber eine Weile nachgedacht, aber ich glaube, dass es schliesslich auch so funktioniert hat. Paul Mazursky über seinen Film An Unmarried Woman (1978), zitiert in B. Ruby Rich, Chick Flicks (1998)Die sieben Charaktere (Alma, Bree, Giuliana, Hari, Laura, Nana und Rachael) werden aus ihren ursprünglichen Filmscripts entlassen. Jede Figur wurde durch eine Reihe von Bewegungen transformiert: Zuerst durch die performance-orientierten Chatroom-Treffen, dann durch die darauf folgende Scriptentwicklung, um schliesslich als theatralische Performance realisiert und verfilmt zu werden.
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| Stills aus X Characters: RE(hers)AL (2003/4) | |
Chat Room
Über den Zeitraum eines Jahres trafen eingeladene TeilnehmerInnen in regelmässigen Abständen in einem Chatroom zusammen, um in einer improvisierten Chat-Gruppe jeweils eine der Figuren zu verkörpern. Zu moderierten Themen und Situationen entstanden Diskussionen und Dialoge, innerhalb derer die Teilnehmerinnen die ursprünglichen Profile der Charaktere rekonfigurierten und adaptierten. So operierten sie im Zwischenraum von eigener Identität und dem Begehren der ursprünglichen Figur.
Ein Schwerpunkt dieser Treffen lag auf Improvisation und Live-Interaktion, sowie auf den Charakteristiken der spezifischen Situation eines Chatrooms. Statt eines/einer Autors/Autorin waren sieben Charaktere bzw. Stimmen am Werk, die ihrer jeweils eigenen Logik folgten, und die auf diese Weise vielschichtige Dialoge strukturierten. Die Protokolle dieser Live-Workshop-Interaktionen zeigten eine Reihe möglicher Situationen und Themen, die als Ausgangsmaterial für neue Dialoge und Scripts verwendet wurden. Die Ergebnisse, die aus dieser ersten performativen Bewegung entstanden, wurden als Grundlage für ein Drehbuch verwendet. Das daraus entstandene Script zeichnet sowohl die Passagen der Charaktere wie auch die Riten der Geschichten auf. Es wurde mit sieben Berliner Schauspielerinnen als theatralische Inszenierung realisiert, die auf Video aufgezeichnet wurde.
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| Still aus X Characters: RE(hers)AL (2003/4) |
Der Fokus des Projekts lag auf Identitäts-Interaktion und auf neuen Diskussionsformaten in inter-kommunikativen und interaktiven Environments, um so auch den grundlegenden Zusammenhang zu den Neuen Medien zu verdeutlichen. X Characters: RE[hers]AL stellt einen Versuch zwischen Theorie und Praxis dar, und suggeriert, dass die ausgewählten Charaktere als Ikonen einer Kinomoderne, als Bindeglieder zu einem Kino funktionieren, das von einer kritischen feministischen Praxis getragen wird. Dies umfasst Diskurse zur Autorenschaft und zu autorenlosen Welten, sowie eine wesentliche Untersuchung feministischer Fragestellungen zu Kino und Repräsentation, die sich auf ein re-reading geschlechtsspezifischer Dialoge auch innerhalb entstehender Cyber-Welten beziehen. Diese Grundlage bindet das Projekt an das Kino, an die Sprache der Neuen Medien und an Fragen der Identitätskonstruktion. Das Script und die Produktion von X Characters: RE[hers]AL stellen einen Prozess dar, der die Figurenvorlagen in Projektionsflächen verwandelt, in Trägerfrequenzen für differente Formen des Begehrens, die ein Schaltfeld darstellen, das unterschiedliche kommunikative Signale und veränderliche Identitäten miteinander vernetzt.
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| Still aus X Characters: RE(hers)AL (2003/4) |
Charakter / Plot
... a premise of the atlas [is] that motion, indeed, produces emotion and that, correlatively, emotion contains a movement. ... The meaning of emotion, then, is historically associated with a moving out, migration, transference from one place to another. in: Giuliana Bruno, Atlas of Emotion: Journeys in Art, Architecture and Film (2002)Die sieben Charaktere stranden in der Boarding Area eines Flughafens, wo sie für unbestimmte Zeit warten müssen, da alle Flüge wegen schlechter Wetterbedingungen verschoben oder abgesagt sind. Die Frauen, die einander niemals zuvor begegnet sind, verbringen Zeit miteinander und schliessen Bekanntschaft: Alma, eine junge Krankenschwester aus Schweden, die sich gerne um andere kümmert; Laura, eine erfolgreiche Modefotografin aus New York mit beeinträchtigter Sehkraft; Rachael, eine Amerikanerin auf der Suche nach ihrer Vergangenheit; Hari, ein russisches Mädchen ohne Gedächtnis und ohne Reiseziel; Bree, Callgirl und erfolglose Schauspielerin aus New York; Nana, eine attraktive Französin, die sich selbst als Entertainerin beschreibt, und Giuliana, eine verstörte italinische Touristin, die nach einem Ort sucht, an dem sie sich besser fühlt.
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| Stills aus X Characters: RE(hers)AL (2003/4) | |
Während sie warten, entwickeln die Frauen Beziehungen, Freundschaften und Abneigungen; sie haben Konflikte, vertrauen einander Geheimnisse an, und sprechen über ihr Leben, ihre Lieben, Ängste und Träume. Dieser Moment, den sie miteinander teilen, macht sie zu Komplizinnen, zu einer unfreiwilligen Reisegruppe auf einer Reise, die sie vor allem in ihre inneren Welten und Psychen führt.
Die Frauen werden zu Figuren in einer wiederkehrenden Probe-Situation, finden sich angehalten in einem Universum ausserhalb ihrer ursprünglichen Scripts und Dialoge. Die Geschichte von X Characters: RE[hers]AL ist keine Erzählung, sondern beschäftigt sich stattdessen mit der Entwicklung der Charaktere. Im Gegensatz zu einer Geschichte über eine Figur und ihre Erfahrungen wird die Figur als Geschichte einer Identität hier in sieben Trailern gescriptet.
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| Still aus X Characters: RE(hers)AL (2003/4) |
Die Figuren
Alma / Persona (Bibi Andersson; D: Ingmar Bergman, Sweden 1966)
stage actress: Kathrin Diele / chatroom actress: Nomeda Urbonas
Bree / Klute (Jane Fonda; D: Alan J. Pakula, USA 1971)
stage actress: Lotte Ohm / chatroom actress: Wendelien van Oldenborgh
Giuliana / Il Deserto Rosso (Monica Vitti; D: Michelangelo Antonioni, Italy 1964)
stage actress: Judith van der Werff / chatroom actress: Patricia Grzonka
Hari / Solaris (Natalya Bondarchuk; D: Andrei Tarkovski, USSR 1972)
stage actress: Katrin Heller / chatroom actress: Christa Blümlinger
Laura / Eyes of Laura Mars (Faye Dunaway; D: Irvin Kershner, USA 1978)
stage actress: Cornelia Heyse / chatroom actress: Marina Faust
Nana / Vivre sa vie (Anna Karina; D: Jean-Luc Godard, France 1962)
stage actress: Annika Kuhl / chatroom actress: Regina Möller
Rachael / Blade Runner (Sean Young; D: Ridley Scott, USA 1982)
stage actress: Susanna Kraus / chatroom actor: Mark Rakatansky





















