X NaNa / Subroutine
X NaNa / Subroutine

X NaNa / Subroutine

Godard remarked that cinema resembles sculpture and music. In it, appearances are solid, like statues. The statues however are not still. They are, like music, passing and unpossessable. Cinema is not one thing nor the other but the movement in between. (Sam Rohdie)
Annika Kuhl als NaNa in X NaNa / Subroutine (2004)
 
Setfotos von den Dreharbeiten zu X NaNa / Subroutine (Wien, Berlin), Annika Kuhl, Gary Wilmes, Judith van der Werff, Hans Michael Rehberg, Diedrich Diedrichsen u.a.

X NaNa / Subroutine ist die erste Produktion aus einer Reihe geplanter spin-offs zu X Characters / RE(hers)AL. Das Script von X NaNa... stellt eine "Subroutine" zu dieser Arbeit dar, die weibliche Filmcharaktere aus verschiedenen Filmen (vom Autorenfilm bis zu Hollywoods Mainstream-Produktionen) entnimmt, um diese als neue Figuren fortzusetzen.

Annika Kuhl als Nana in X Characters / RE(hers)AL (2003); Anna Karina als Nana in Vivre sa vie (1962)

Die Figur der NaNa geht auf den Film Vivre sa vie von Jean-Luc Godard (F 1962) zurück. Die neue Produktion erzählt die Geschichte dieser Filmfigur, die ihren source code, den Film Vivre sa vie verlassen hat und nun vor dem Dilemma ihrer Herkunft steht, indem sie sich plötzlich mit dem Regisseur Godard konfrontiert sieht, der auf der Suche nach ihr ist. Um nicht mehr auf Einkünfte aus illegalen Aktivitäten als Hackerin und Bootleggerin angewiesen zu sein, geht NaNa als Verkäuferin in einem Plattenladen nun einer legitimen Beschäftigung nach. Überraschend taucht einer ihrer früheren Kollegen aus der Hackerszene auf, um ihr einen "wie für sie gemachten" Job anzubieten. NaNa findet sich plötzlich in einem Script gefangen, in das sie nie wieder zurückkehren wollte. Sie beschliesst zu handeln und ein technologisches dérive zu produzieren, indem sie eine narrative Ellipse erzeugt, die sich in zwei entgegengesetzte Richtungen bewegt. Sie verweigert das ihr vorbestimmte Ende und löst ihr Schicksal auf eigene Weise: NaNa stellt einen Loop her, den nur sie alleine unterbrechen kann.

Mit der Spannung zwischen Film als Kontrollinstanz der zeitlichen Dimension (Schnitt, Erzählung) und Film als Kontrollinstanz der räumlichen Dimension (Distanzwechsel, Schnitt) spielend, erzeugen filmische Codes einen Blick, eine Welt und ein Objekt, und schaffen so dem Begehren eine massgeschneiderte Illusion ... Kino geht weit darüber hinaus, die Frau in ihrer Eigenschaft als Betrachtet-Werdende ins Licht zu rücken: Kino baut die Art und Weise, in der sie betrachtet werden soll, in das Spektakel selbst mit ein. (Laura Mulvey)
oben: Entwurf für das Buchcover

Im Film X NaNa / Subroutine trägt NaNa ein Buch mit ihrem Namen bei sich, auf dessen Cover eine "heraldische" Identität, ein klassizistisches Ornament sichtbar ist: ein Symbol, das die Sonne, Licht, und somit "Projektion" repräsentiert. Dieses Motiv geht aus einem adaptierten Ornament der Deckenverglasung der Kunsthalle Bern hervor, die als architektonisches Interface kosmische und irdische Bereiche markiert, und Innen und Aussen voneinander unterscheidet.

Das Buch der NaNa aus dem Film wird im Ausstellungsraum zu einem neuen architektonischen Element, zu einem freistehenden Wanddisplay. Auf der einen Seite dieses Displays umgibt das Buchcover einen Monitor, der die Produktion X NaNa / Subroutine zeigt; auf der anderen Seite werden filmische Verfahren wie Continuity, Montage und das Schuss / Gegenschuss-Prinzip über eine Analyse der Bewegung eines Gegenstands durch eine Sequenz untersucht. Dort erscheint auch die Vitrine aufs Neue: sie kehrt sich von Innen nach Aussen, ihre Struktur entfaltet sich horizontal als Raster über die Wand und wird so zum Layout dieses "Buches-als-Wand".

Installationsansichten X NaNa / Subroutine, Kunsthalle Bern (2004)

Die Wand figuriert als Zeichen und Bindestrich zwischen den Ausstellungsräumen und setzt die Scripts der vier Arbeiten miteinander in Beziehung. Sie stellt ein Interface dar, das Architektur und Plot, Vitrine und Ausstellungsgegenstand in einer tautologischen Wendung verbindet. X NaNa / Subroutine erzählt von der Bewegung einer Figur durch die leeren Zentren heutiger Medienwelten. Der Film entwirft die Geschichte ihres Daseins als eine andauernde Transformation von "Symptom" über "Trope", über mythologische Gestalt (Mnemosyne) bis zu einer zeitgenössischen Filmfigur.

Kontinuität / Schuss und Gegenschuss

I now know that there exists another punctum (another "stigmatum") than the "detail". This new punctum, which is no longer of form but of intensity, is time, the lacerating emphasis of the noeme ("that-has-been"), its pure representation. (...) The studium is a term for the interest which we show in a photograph, the desire to study and understand what the meanings are in a photograph, to explore the relationship between the meanings and our own subjectivities. The punctum is more about the sudden recognition of meaning, the unexpected, it "shoots out of [the photograph] like an arrow" and pierces me. (Roland Barthes)
aus dem Vorspann von Vivre sa vie (bearbeitete Stills)

In der Filmsprache steht das "Anschlussprinzip" (continuity) für eine nahtlose, räumlich und zeitlich kohärente Erzühlung. Indem der Filmschnitt unsichtbar gehalten wird, lenkt der Film keine Aufmerksamkeit auf die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird. Continuity ist notwendig, um den Realitätseffekt (reality-effect) des Kinos zu gewährleisten. In der Beziehung einer Einstellung zu einer anderen, eines Schusses zu seinem Gegenschuss, wird eine Unterbrechung der Kontinuität besonders deutlich. Continuity stellt ein Fundament kinematografischer Repräsentationspolitik dar.

Innerhalb filmsprachlicher Konventionen der Sechzigerjahre erscheinen Jean-Luc Godards Filme als Herausforderungen an die Codes des Mainstream-Kinos und als emblematische Kritik an dominanten Formen der Repräsentationspolitik. Inhärent ist ihnen eine Tendenz zur Destabilisierung räumlicher, zeitlicher und narrativer Kontinuität. In dem frühen Godard-Film Vivre sa vie (1962) wird dies unter anderem an der Struktur des Films sichtbar, der aus 12 voneinander getrennten tableaux besteht, die die Geschichte der Nana und ihres Abstiegs in die Prostitution erzählen. Die Realität, die der Film für diese Figur konstruiert, führt schliesslich zur Schlusseinstellung, die in ihrem Tod kulminiert.

links: Installationsansicht X NaNa / Subroutine, Kunsthalle Bern (2004), rechts: Still aus Vivre sa vie, J.-L. Godard, Frankreich (1962)

X NaNa / Subroutine bringt eine neue Generation, eine neue Figur hervor, und bindet die Untersuchung eines veränderlichen Identitätsbegriffes an die Geschichte des Kinos und der Neuen Medien. Als Update von "Nana" versetzt die Figur der NaNa sich selbst in die Rolle der "Continuity". So erzeugt sie eine psychische Umleitung als detour, die das eigentliche Ende von Vivre sa vie suspendiert, um den Beginn einer neuen Handlung anzuzeigen. Sie benutzt das Buch - ein leeres Script - als heraldischen Signifikanten, um damit auf den "Plot" selbst einzuschlagen. NaNa erzeugt so einen Zwischenraum als eine Äffnung in der Erzählung, um ihrer Absicht eine Richtung als Bewegungsspur zu verleihen.

The spline can be regarded as the diagram of divergent trajectories, like that of the metropolitan flaneur, or of the words in a text. The baroque stylistic figures used so intensively by Ponge, such as amplification, the hyperbole, variations and repetitions, the use of single and double parentheses, the sudden changes of direction and retractions, can be regarded as the hanging weights that determine the form of the trajectory of the object/concept in interaction with its environment. The spline can refer to the trajectory of an object, but also to the trajectory of that object in space and time. (Jon Verstegen)

Dieser Augenblick markiert ein "Punktum", das plötzliche Erscheinen einer neuen Bedeutung: einen Moment, in dem NaNa ihre Identität als gespaltenes Subjekt umarrangiert, um die Erzählung auf zwei unterschiedlichen Bewegungskurven weiter zu treiben. Ihre Handlung erzeugt eine angehaltene Doppelfigur, die aus "Charakter/Figur" und "Ornament" besteht. In dieser Handlung wird die Verwandlung der Filmfigur sichtbar gemacht - von Nana zu NaNa, von blosser Wiederholung zu operativer Differenz.

Wenn man sich dafür entscheidet, die Gesten einer Frau so präzise zu zeigen, dann deshalb, weil man sie liebt. (Chantal Akerman)
   
Sequenz aus X NaNa / Subroutine

Credits

NaNa: Annika Kuhl / Jean-Luc Godard: Hans Michael Rehberg / Herman: Gary Wilmes / Bewährungshelfer: Harun Farocki / G. / Melpomene: Judith van der Werff / Empfangsdame: Cornelia Heyse / Autofahrer: Alexis Bug / Kunde: Diedrich Diedrichsen / Musen: Judith Barry, Tina Berning, Aki Fujiyoshi, Katrin Heller, Rebecca Herrmann, Christiane Hitzemann, Regina Möller, Juliane Rebentisch

Script Advisor: Fareed Armaly / Consultant: Rainer Kirberg

UNIT BERLIN Kamera: Jörg Jeshel / 2nd Unit / Licht: Martin Langner / Ton: Matthias Schurz, Stefan Koethe / Kostüm: Max Wohlkönig / Make Up: Rebecca Herrmann / Soundtracks / Mixes: Otto Kränzler / NaNaNa-Music Research: Christian Tjaben / Setfotos: Kai von Rabenau

UNIT WIEN Kamera: Amir Esmann / Ton: Peter Czack / Tonassistenz: Peter Holzinger / Licht: Harald Staudach / Aufnahme & Produktionsleitung: Klaus Forsthuber / Produktionsassistenz: Andrea Salzmann / Kostüm: Ingrid Winkler, Peter Holzinger / Make Up: Maria Becker / Schnitt: Ilse Buchelt / Assistenz: Doris Felsner / Postproduktion: OFFLINE Audiopostproduktion: Klaus Kobald / Production Graphics: Dodo Brunialti

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